
Stiftung Wohlfahrtspflege NRW (Hrsg.)
Demenzkranke Patienten im Krankenhaus
Ein Praxishandbuch für Mitarbeiter in der Pflege
Schlütersche, Hannover, 2009, 300 S., 59,90 â¬, ISBN 978-3-89993-225-6
Rezension von Univ.-Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Hintergrund des von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW (und einem multidisziplinär zusammengesetzten Autorenteam) herausgegeben Praxishandbuches ist die Zunahme von Menschen mit Demenz im Krankenhaus. Hierzu liegen bereits einige Studien vor, u. a. vom Institut für Pflegewissenschaft aus Bielefeld und dem Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung aus Köln. Unbestritten ist die Tatsache, dass Menschen mit Demenz (vor allem im Hinblick auf das herausfordernde Verhalten) für die Abläufe und Regularien in den Kliniken eine Herausforderung darstellen. Damit stellt sich die Frage, in welcher Art und Weise Krankenhäuser reagieren sollen. Und dazu wird in dem âPraxishandbuch für Mitarbeiter in der Pflegeâ ausführlich Stellung genommen.
Weil eine kausale (medikamentöse) Therapie bei Demenzerkrankungen nicht möglich ist, erhält die Pflege zu Recht eine zentrale Rolle. Zu nennen sind vor allem Planung, Dokumentation und qualitätssichernde MaÃnahmen, z. B. Pflegeanamnese, Fallbesprechungen, Entlassungsmanagement (Kapitel 1), allgemeine pflegerische Interventionen, z. B. basale Stimulation Aromapflege, Orientierungshilfen, Kontinenzförderung (Kapitel 2) und Umgang mit herausforderndem Verhalten, z. B. Apathie, Aggressionen, Angst (Kapitel 5). Die einzelnen Aspekte werden praxisnah und kurz auf Folien vorstellt, wobei immer die gleiche Logik erkennbar wird. Nach einer kurzen Einführung werden die wichtigsten Interventionen benannt. Unter der Rubrik âzu beachtenâ werden konkrete Praxistipps gegeben. AbschlieÃend erfolgt ein kurzer Hinweis auf Möglichkeiten und Grenzen der Umsetzung sowie ausgewählte Literatur.
Die medizinische Diagnostik und Therapie wird ebenfalls thematisiert (Kapitel 6). Dabei ist zu beachten, dass Menschen mit Demenz häufig wegen einer anderen Erkrankung eingewiesen werden und eine umfassende Demenzdiagnostik häufig nicht im Zentrum steht. Eine differenzierte medizinische Abklärung ist aber sinnvoll, vor allem im Hinblick auf die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen (z. B. der Depression, Delir) und zur Ursachenanalyse. Häufig sind sog. âDemenzpatientenâ nicht wirklich dement, sondern leiden an Ernährungsproblemen, trinken zu wenig, etc. Die Medikation, insbesondere Psychopharmaka und die Scherzproblematik, kommen zur Sprache.
Ein weiterer Bereich ist die Milieugestaltung (Kapitel 3). Hier geht es vor allem um Orientierungshilfen, tagesstrukturierende Angebote sowie Angehörigenberatung. Sicherheit und rechtliche Aspekte (Kapitel 4) werden ebenfalls angesprochen, u. a. mit folgenden Inhalten: Sturzprophylaxe, freiheitsentziehende MaÃnahmen sowie Vorsorgevollmacht, Betreuung und Patientenverfügung. Ein letztes Kapitel, bezeichnet als âSchwerpunktbereiche â ein Ausblickâ (Kapitel 7), beschlieÃt das Praxishandbuch. Hier wird darauf verwiesen, dass Menschen mit Demenz ein âspezielles Versorgungssettingâ (S. 74) benötigen. Erwähnt wird, dass âdie Anforderungen an eine qualitativ bessere Versorgung multimorbider Patienten im Allgemeinen und demenzkranker Patienten im Speziellen den Entwicklungen der Krankenhausversorgung zu mehr Spezialisierung, mehr Standardisierung und Konzentration auf die Akutversorgung entgegen (stehen â H.B.)â (S. 75). Das ist der springende Punkt, auf den ich nach der Gesamteinschätzung noch kurz zu sprechen komme.
Das Handbuch enthält eine Reihe wichtiger Hinweise für die Pflegepraxis. Ein vergleichbar umfassendes, differenziertes und auf das Krankenhaus zugeschnittene Praxishandbuch existiert nicht, ist daher zu empfehlen. Zielgruppen des Buches sindPflegende in den Krankenhäusern, Pflegedienst- und Stationsleitungen, Verantwortliche in den Krankenhäusern, auch bei Wohlfahrtsverbänden. Das Handbuch versteht sich als âlernendes Systemâ, was in der Fort- und Weiterbildung genutzt und an die Bedürfnisse vor Ort angepasst werden kann. Der Servicecharakter wird auch durch die beiliegende DVD unterstützt (darauf u. a. enthalten: Themenblätter mit Interventionen).
Irritiert hat mich eine Aussage in Kapitel 6, wonach die Demenz mit Lewy-Körperchen als âzweithäufigste demenzielle Erkrankungâ bezeichnet wird (S. 66). Ãblicherweise gilt dies für die vaskuläre Demenz, beispielsweise nachzulesen in der neuen Veröffentlichung von Doblhammer und Kollegen/-innen zur âDemografie und Demenzâ aus dem Jahre 2012 (Huber-Verlag). Auch der Preis (knapp 60 Euro) erscheint etwas hoch â trotz Berücksichtigung der DVD und des Ringbuchcharakters.
Insgesamt ist meine Einschätzung positiv. Und zwar einmal deswegen, weil für die Praxis in den Krankenhäusern viele interessante und weiterführende Hinweise gegeben werden, der Bezug zum klinischen Setting immer gegeben ist, der Band sehr benutzerfreundlich gestaltet ist. Ein anderer Grund ist der kritische Hinweis am Ende des Buches. Das Handbuch verschweigt nicht, dass die Versorgungslogik in den Krankenhäusern (Spezialisierung, Standardisierung, etc.) nicht an die Bedürfnisse von Demenzpatienten angepasst ist. Warum auch? Sie stellen (noch) keine zentrale Klientel dar. Und finanziell sind sie (noch) weitgehend uninteressant. Hinzu kommt die Problematik der âNebendiagnose Demenzâ, die den komplexen Versorgungsanforderungen nicht gerecht werden kann. Solange diese strukturellen und versorgungspolitischen Gegebenheiten die Wirklichkeit in den Krankenhäusern bestimmen, solange sind adäquate Zugänge bei Menschen mit Demenz erschwert. Die Fortbildung des Personals, die Optimierung der Diagnostik sowie die Verbesserung der wohnräumlichen Bedingungen alleine werden nicht ausreichen. Hierfür sind noch ganz andere Anstrengungen der Versorgungsforschung und der Politik erforderlich.