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Die Wissenschaftlichkeit der Pflege<br> Paradigmata, Modelle und kommunikative Strategien für eine Philosophie der Pflege- und Gesundheitswissenschaften (Rezension)

Die Wissenschaftlichkeit der Pflege Paradigmata, Modelle und kommunikative Strategien für eine Philosophie der Pflege- und Gesundheitswissenschaften (Nerheim, Hjördis)Verlag Hans Huber, Bern, 2001, 512 S., 39,95 € - ISBN 3-456-83201-XRezension von: Paul-Werner Schreiner Seit
25. Mai 2013 durch
Die Wissenschaftlichkeit der Pflege<br>
Paradigmata, Modelle und kommunikative Strategien für eine Philosophie der Pflege- und Gesundheitswissenschaften (Rezension)
Andreas Lauterbach

Die Wissenschaftlichkeit der Pflege
Paradigmata, Modelle und kommunikative Strategien für eine Philosophie der Pflege- und Gesundheitswissenschaften (Nerheim, Hjördis)

Verlag Hans Huber, Bern, 2001, 512 S., 39,95 € - ISBN 3-456-83201-X

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Seit etwa 15 Jahren ist die Rede davon, dass - verspätet - auch in Deutschland die Pflege sich auf den Weg gemacht hat, eine Wissenschaft zu werden. Es sind Studiengänge eingerichtet worden, vorwiegend an Fachhochschulen und nur wenige an Universitäten, die in Deutschland traditionell als die Institution gelten, an der Wissenschaft gelehrt und - in Form von Forschung - praktiziert wird. Ungeachtet dieser Beobachtung und weiterer offener Fragen hinsichtlich der Verortung der Pflege und dann eben der Pflegewissenschaft in dem System der Versorgung kranker Menschen in Deutschland, ist es wichtig, wenn von Pflege als einer Wissenschaft gesprochen wird, den Charakter der Wissenschaftlichkeit dieser Disziplin zu bedenken. Insofern ist das Erscheinen der aus dem Norwegischen übersetzten Abhandlung über "Die Wissenschaftlichkeit der Pflege" zu begrüßen und zur Lektüre zu empfehlen.

Nach dem Verständnis von Wissenschaft, das für die Ausführungen leitend ist, ist diese um Genauigkeit, Allgemeingültigkeit und Intersubjektivität oder Kommunizierbarkeit bemüht. In diesem Sinne wurde seit Ende des 18. Jahrhunderts Wissenschaft zunehmend mehr mit den vorgeblich exakten Naturwissenschaften gleichgesetzt, die, da doch in vielen Bereichen sehr erfolgreich, mit großem Respekt behandelt werden. Angesichts dessen - so Nerheim -, "verhallt der Appell an eine essenzielle kritische Perspektive, die über den Sinn der Prozeduren für die wissenschaftliche Praxis wacht ungehört".

Für die Pflege ergibt sich ein Grundkonflikt zwischen dem in den letzten beiden Jahrhunderten entwickelten Wissenschaftsverständnis und dem sog. Nightingale-Paradigma, wonach die Situation Vorrang hat vor wissenschaftlichen Gesetzen. Um vor diesem Hintergrund eine spezifische Theorie der Pflegewissenschaft zu entfalten, wird in einem ersten Teil der naturwissenschaftliche Theoriebegriff reflektiert und problematisiert, indem dieser mit Fragen der Hermeneutik, des Verstehens, konfrontiert wird. Dieser Teil führt in die Grundprobleme der Wissenschaftstheorie ein. Dass die in diesem erörterten Fragen nicht nur theoretische Probleme sind, sondern sehr wohl Auswirkungen auf die Betreuung eines kranken Menschen haben, wird an der in die theoretischen Abhandlungen eingeflochtene Geschichte von Frau Müller, die sich durch das ganze Buch zieht, verdeutlicht.

Im zweiten Teil wird zunächst in die Methodik der Hermeneutik eingeführt. Nerheim nimmt hier Bezug auf den von Dilthey eingeführten Unterschied zwischen "Erklären" und "Verstehen" und sieht darin ein alternatives Paradigma für Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit in der Pflege begründet. Im weiteren Heidegger bedenkend, der der Fürsorgedimension Vorrang vor der Welt der Technik einräumt, wird - so Nerheim - ein Methodenbewusstsein sichtbar, "das sich der Methodologie und den wissenschaftlichen Experimenten entzieht, die in der von Labors kontrollierten medizinischen Praxis stattfinden". In diesem Verständnis der Praxis kommt der Sprache eine elementare Bedeutung zu; sie ist Medium des Verstehens. Ricoeur und Habermas bedenkend, wird ein Begriff von hermeneutischer Kompetenz entwickelt, der die Verpflichtung zum vorbehaltlosen Akzeptieren des Anderen beinhaltet. Frau Müllers Verständnis der eigenen Situation wird danach für die beteiligten Akteure verpflichtend.

Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen entwickelt Nerheim im dritten Teil eine implizite Theorie der Pflegewissenschaft, in deren Mittelpunkt der Begriff des Verstehens in seiner Anwendung auf die Analyse der Fürsorgearbeit in der Pflege steht. Es geht in der Konsequenz darum, ein Modell zu entwerfen, mithilfe dessen sich die Handelnden besser in die andere, die zu betreuende Person hineinversetzen können.

Die nicht immer ganz leichte Lektüre ist lohnend. Zwei kritische Anmerkungen, die den Wert des Buches nicht schmälern, seien erlaubt:

  • Es mag ein Übersetzungsproblem sein; es ist jedenfalls etwas irritierend, wenn unter "Pflegewissenschaft" zum einen die Wissenschaft von pflegerischem Handeln verstanden wird, der Begriff mitunter aber auch so gebraucht wird, dass darunter neben der Medizin, der Psychiatrie und der Psychoanalyse eben auch die Pflegewissenschaft eingeordnet wird.
  • Zur Erkenntnis und Wissenschaftstheorie gehört auch die Einsicht, dass das Handeln an und mit einem "Gegenstand" - der zu betreuende Mensch ist in diesem Sinne als "Gegenstand" zu verstehen - stets ein implizites Verständnis dieses Gegenstandes voraussetzt. Auch wenn die Handelnden sich im Sinne Nerheims noch so sehr dem Verständnis der eigenen Situation des Gegenübers verpflichtet fühlen, wird ihr Handeln doch entscheidend von dem eigenen Vorverständnis z.B. darüber, was Leben ist, welche Bedeutung das Alter hat, usw., bestimmt. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund bedeutsam, dass die Vorstellung von - auch kommunikationstheoretisch - gleichberechtigten Partnern in der Betreuungssituation im Regelfall eine Fiktion sein dürfte.
Eine Wissenschaftstheorie der Pflege muss, ungeachtet der damit verbundenen Schwierigkeiten, das Nachdenken über das Menschenbild und, darüber hinaus, das Wesen des Lebendigen sowie das gesellschaftliche Bedingtsein dieses das Handeln bestimmenden Vor-Verständnisses beinhalten.
Sozialmedizin und Public Health<br> Ein Wörterbuch zu den Grundlagen der Gesundheitssicherung, der Gesundheitsversorgung, des Gesundheitsmanagements, der Steuerung und der Regulation im Gesundheitswesen (Rezension)
Sozialmedizin und Public Health Ein Wörterbuch zu den Grundlagen der Gesundheitssicherung, der Gesundheitsversorgung, des Gesundheitsmanagements, der Steuerung und der Regulation im Gesundheitswesen (Niehoff, Jens-Uwe und Bernard Braun )Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 20