Ethik der Forschung am Menschen |
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Es zählt inzwischen zur nicht hinterfragten Selbstverständlichkeit, dass Ãrzte bei ihren MaÃ-nahmen auf gesichertes Wissen zurückgreifen. Ebenso ist es unstrittig, dass solches Wissen nur mit Forschung unter Anwendung wissenschaftlicher Methoden erworben werden kann. Dass medizinische Forschung auch die Forschung am Menschen einschlieÃt, ist zwar viel-leicht nicht immer und nicht jedem Mitglied der Gesellschaft präsent, jedoch kein überra-schender Befund; auch haben sich gewisse Regularien herausgebildet, die bei dieser For-schung beachtet werden müssen, dazu zählt ganz wesentlich, dass der in ein Forschungspro-jekt involvierte Mensch umfassend aufgeklärt worden sein und der Teilnahme zugestimmt haben muss. Dass dieser soweit zu konstatierende gesellschaftliche Konsens nicht alles ab-deckt, was unter Forschung am Menschen verstanden wird, wurde bei der Diskussion über das Menschenrechtsabkommen des Europarates deutlich. Einer der besonders in Deutschland kri-tisierten Punkte an diesem Ãbereinkommen war, dass Forschung an Menschen zugelassen werden soll, die weder aufgeklärt werden noch zustimmen können. Dazu zählen auf der einen Seite Kinder und auf der anderen Seite Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind.
Dieser Streit, bei dem bei genauem Hinsehen begriffliche Unschärfen deutlich wurden und der mitunter den Charakter eines Glaubenskrieges hatte, war Ausgangspunkt für die vorlie-gende Arbeit, mit der sich der Autor an der Medizinischen Hochschule Lübeck im Fach Ge-schichte und Ethik der Medizin habilitierte. Der Autor versteht die Arbeit als kleinen "Beitrag dazu, die grundlegenden Wertkonflikte im Umgang mit der Forschung am Menschen syste-matisch in den Blick zu nehmen".
Noch einleitend wird nach methodischen Vorüberlegungen und einem Ãberblick über den Forschungsstand erörtert, inwiefern die Forschung am Menschen heute als Problem der Ethik angesehen wird. Maio identifiziert dabei die Expansion der Forschung seit 1945 und natürlich die Reaktion auf die Ereignisse im Dritten Reich; ferner haben einige Forschungsskandale in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu einer zunehmenden Sensibilisierung ge-führt; schlieÃlich werden die Patientenrechtsbewegung und Expertenkritik sowie der Verlust der ethischen Definitionsmacht der Ãrzte erwähnt. Erwähnenswert wäre hier vielleicht auch noch gewesen, dass sich mit der zunehmenden Komplexität und Eingriffstiefe der Forschung die Sinnhaftigkeit dieser Forschung immer weniger selbstverständlich erschloss.
Im ersten Teil der Arbeit werden dann die theoretischen Grundlagen der Forschung am Men-schen entfaltet; dabei geht es ganz wesentlich um die Differenzierung zwischen (Human-) Experiment, Heilversuch.
Gegenstand des zweiten Teils sind dann die ethischen Aspekte der Forschung am Menschen. Zunächst werden die Voraussetzungen für die Legitimität eines Humanexperimentes darge-legt. Im Weiteren erörtert der Autor die ethische Problematik des minimalen Risikos und geht kritisch auf den Begriff der Kosten-Nutzen-Analyse ein. Der Forschung an Nichteinwilli-gungsfähigen sowie der Forschung an Kindern sind jeweils eigene Kapitel gewidmet.
Im dritten Teil zeichnet der Autor die Diskussion über die Forschung am Menschen, wie sie sich von 1945 bis 1988 in Frankreich entwickelt hat, nach. Ziel dieses historischen Teils der Arbeit ist es, die Bedingtheit der Bewertung der Forschung am Menschen herauszustellen. Maio kann zeigen, dass in Frankreich der therapeutische Nutzen sowie die Moralität des Arz-tes die Diskussion entscheidend bestimmte, während in der angloamerikanisch geprägten Dis-kussion in Deutschland die Einwilligungsformen bzw. geeigneter Ersatz dafür im Vorder-grund standen und stehen. Der therapeutische Nutzen ist allerdings auch nur so lange fraglose Legitimation, wie diejenigen, die den Nutzen bestimmen, nämlich die Ãrzte, unhinterfragte Instanz sind; Ãhnliches kann für das Argument des minimalen Risikos gezeigt werden - ent-scheidend ist, wer die Höhe des Risikos definiert.
Die Forschungsarbeit von Giovanni Maio sei zur Lektüre empfohlen. Sie ist allgemein von In-teresse, wenn man öffentliche Debatten über strittige Forschung verfolgen will - und deren gibt es ja wahrlich reichlich. Die Arbeit mit ihrem philosophisch-historischen Ansatz sollte vor allem überall da zur Kenntnis genommen werden, wo geforscht wird und diese Forschung legitimiert werden muss. Ich pflichte dem Autor bei, wenn er abschlieÃend feststellt, dass der gewählte Vergleich mit einem Land unseres Kulturkreises deshalb so fruchtbar war, "weil dieser Zugang dafür sensibilisieren kann, dass auch die Form unserer eigenen Diskussion in der Bundesrepublik, wo gerade die Forschung an nicht einwilligungsfähigen Patienten beson-ders kontrovers diskutiert wird, als Produkt nationalspezifischer Zusammenhänge betrachtet werden muss". Auch medizinische Fragestellungen könnten nur aus dem Bewusstsein ihrer historisch gewachsenen Entstehungsbedingungen erklärt werden. Und: "Dieses Bewusstsein und die historische Erfahrung moralischer Diskurse ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass das ethische Problem der Forschung an Nichteinwilligungsfähigen auch in der Bundesrepu-blik in Zukunft gelöst werden kann."