Genomprojekt und Moderne |
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Als Mitte 2000 die Entschlüsselung des menschlichen Genoms verkündet wurde, wurde der Ãffentlichkeit suggeriert, dass jetzt eine neue Ãra medizinischer Versorgung beginne; einen ähnlichen Eindruck hinterlieà die öffentliche Debatte über die Stammzellenforschung. Dabei war die Entschlüsselung des Genoms alles andere als komplett, zudem hatte die Entschlüsselung für sich genommen nur weitgehend wertloses Datenmaterial produziert; und die ernst zu nehmenden Fachleute haben immer darauf hingewiesen, dass der Stand der Stammzellenforschung derzeit noch in keiner Weise auch nur einen Hinweis auf eine Therapie erkennen lasse. Der mitunter schamlosen Ãbertreibung vielleicht einmal in ferner Zukunft zur Verfügung stehender Therapiemöglichkeiten steht in der öffentlichen Diskussion über die Gentechnik eine wahre Perhorreszierung dieses Geschehen gegenüber; von den Gegner werden wahre Horrorgebilde an die Wand gemalt, was geschehen wird, wenn man diesem Treiben keinen Einhalt gebietet. In dem 3. Band der Reihe "Medizin und Kultur" - auch hierbei handelt es sich um eine Dissertation - untersucht der Autor den Diskurs über das Genomprojekt. Er kann zeigen, dass es bei dem Genomprojekt zunächst um eine Trennung von Labor und Gesellschaft geht. Der so genannten Bioethik kommt dabei die Aufgabe zu, diese Trennung zu überwinden und eine Vermittlung zwischen Labor und Gesellschaft herzustellen, und das heiÃt auch eine Sinnstiftung für das Laborgschehen zu bewirken. Es wird ferner herausgearbeitet, wie die Ergebnisse der Genforschung, ohne - sieht man einmal von der Herstellung einiger Medikamente ab - unmittelbare Ergebnisse zu zeitigen, sehr wohl zu einem gesellschaftlichen Steuerungsmodell wurde (z. B. humangenetische Beratung, Wrongful-Life-Klagen).
In der Diskussion über die Stammzellenforschung fand der Diskurs über das Genomprojekt seine Fortsetzung; und das nächste Projekt ist die Präimplantationsdiagnostik.
Der Autor fragt abschlieÃend, wie eine andere Regulierung der Genomforschung denkbar wäre. Die Bioethik müsse den untauglichen Versuch überwinden, eine Ãbersetzung der Biologie des Labors in eine Ethik der Gesellschaft vorzunehmen. Aus der Biologie, auch einer vermeintlich neuen, könnten keine Werte entwickelt werden. Es müsse akzeptiert werden, dass es eine klammheimlich vorausgesetzte Natur-/Kulturordnung nicht gibt und die Trennung von Labor und Gesellschaft unhaltbar ist. Die genetische Diagnostik müsse schlieÃlich als das angesehen und diskutiert werden, was sie im Kern ist, nämlich ein Steuerungsinstrument. Und es müsse der begrenzte Nutzen der neuen Technologie herausgestellt werden, der sich vor allem auch nicht überprüfen lasse - "Ein tatsächlicher Nutzen wird sich nicht überprüfen lassen. Denn wer wird wissen, ob das hybride Produkt sich besser in der Umwelt angepasst hat, wenn ein Original im Vergleich nicht existiert." Und schlieÃlich müsse stets bedacht werden, dass das Entwerfen für den Nutzer immer an ein Unterwerfen als Subjekt gekoppelt ist.
Wer den Diskurs über die Gentechnik schon länger verfolgt, wird die Studie mit Gewinn lesen.