
Elisabeth Höwler
Biografie und Demenz
Grundlagen und Konsequenzen im Umgang mit herausforderndem Verhalten
Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 2011, 237 S., 29,90 â¬, ISBN 978-3-17-021947-2
âGerne sortiert Frau Edelgard ihre Kleidungsstücke im Schrank, legt diese zusammen und faltet sie wieder auseinander. Aus diesem Grund wird im Bewohnerzimmer stets der Kleiderschrank abgeschlossen.â (124)
Mit der Lebenserwartung steigt auch der Anteil dementer Patienten und Heimbewohner, mit denen sich die Beschäftigten im Gesundheitswesen auseinandersetzen müssen. Diese Auseinandersetzung erfolgt häufig im Wortsinn als Konflikt: Die Einrichtungen sind nicht auf die Versorgung Dementer mit ihren spezifischen Bedürfnissen ausgerichtet, die Pflegenden sind überfordert.
Um die bestehende Mangelversorgung zu überwinden, kommt es zentral darauf an, die professionelle Pflege mit den Ressourcen auszustatten, die sie benötigt, um verstehend und wertschätzend auf Personen mit abweichendem, oft auch aggressiven Verhalten einzugehen.
Hier erwirbt sich die vorliegende Studie einige Verdienste. Sie verfolgt das Ziel, den Zusammenhang von Biografie und herausforderndem Verhalten zu erforschen sowie zu klären, welche Unterschiede in Bezug auf herausforderndes Verhalten bei Multiinfarkt-Demenz (MID) und Seniler Demenz vom Alzheimer-Typ (SDAT) bestehen.
Dazu werden 26 chronisch verwirrte Pflegeheimbewohner in sieben Institutionen untersucht. Die Autorin integriert pflegewissenschaftliche und psychologische Perspektive und wendet biografisch-narrative Interviews mit Bezugspersonen sowie nichtteilnehmende Verhaltensbeobachtung an. Sie strebt mit dieser Methodik an, âbiografische Merkmale in Beziehung zum beobachtbaren herausfordernden Verhalten zu setzen, um daraus Antworten abzuleiten, warum sich die Betroffenen im Pflegeheimalltag so und nicht anders verhalten.â (80f) Höwler spricht ähnlich deterministisch wie Alice Miller (die sie allerdings nicht zitiert) von einem âSchlüsselâ zum Gewordensein eines Menschen.
So stellt sie einen Zusammenhang zwischen historischer Vertreibung und Fremdheitsgefühlen im Pflegeheim her. Stellenweise übertreibt sie nach dem Geschmack des Rezensenten die Einfühlung: âAuf der Flucht sieht sie niedergeschlagene, erfrorene tote Menschen. Weiterfahren oder Weitergehen lautet das Kommando bei Tag oder bei Nacht, ob gesund oder krank. Aber wo in Gottes Namen unterkommen? ⦠Erikas Familie macht in der zweiten Woche Halt in Dörfern, die vorher eine geschlossene Gemeinschafte [!] waren. Widerwillig werden die Enterbten aufgenommen.â (83)
Der unfreiwillige Auszug aus Schlesien und der unfreiwillige Einzug ins Pflegeheim werden so in einen Zusammenhang gebracht, der sich auf der rein phänomenologischen Ebene mit ähnlichen Worten beschreiben lässt â aber gibt es bei Dementen mit diesen biografischen Erfahrungen tatsächlich einen anderen Verlauf des Suchprozesses und des Herumirrens als bei solchen ohne Vertreibungserfahrung? Verarbeitet ein Mensch, der immer am selben Ort gewohnt hat oder der viele freiwillige Ortswechsel erlebt hat, den Einzug ins Pflegeheim unter Einfluss demenzieller Veränderungen anders, verhält er sich anders als ein Vertriebener? Ein vertriebener überzeugter Nationalsozialist anders als einer, der die Vertreibung aus Zugehörigkeit zu einer schuldhaft verstrickten sozialen Gruppe für sich erklären konnte?
Die Erlebnisse und deren Verarbeitung im Lauf eines langen Lebens verlaufen nicht formelhaft, sondern sind durch eine Vielzahl individuell höchst unterschiedlicher Interpretationen, Lernkurven und emotionaler Zugänge bestimmt. Dementsprechend muss vieles spekulativ bleiben, und gelegentlich hätte mehr Distanz den Ausführungen gutgetan. So mutmaÃt Höwler über eine Bewohnerin allein auf der Grundlage ihres eigenen Erlebens der Atmosphäre im Zimmer: âAnzunehmen ist, dass die Bewohnerin paranoide Empfindungen erleidet, während sie sich selbst überlassen bleibt.â (97)
Ãberzeugender liest sich der Abschnitt über emotionale Unordnung. Hier wird dargelegt, wie in der Vergangenheit unzureichend kompensierte Traumata in bestimmten Pflegesituationen wieder aufbrechen können. Auch hier finden sich aber wissenschaftlich fragwürdige Psychologisierungen: âDa sie als Jugendliche der nationalsozialistischen Parteiorganisation (SS) [!] weitgehend existenziell ausgeliefert war, bleibt nur die Identifizierung mit dem Aggressor.â (96)
Sehr aufschlussreich ist auch Höwlers Beschreibung des Verhaltens der Pflegenden, die Teil der Beobachtung waren: âDie Gestimmtheit der Pflegenden in herausfordernden Situationen ist zumeist gereizt, unfreundlich, reserviert bis distanziert. Auf verbale Aktivitäten folgt schneller Trost oder Bagatellisierung, statt die Emotionen zu beachten und ihre Signalfunktion zu verstehen.â (118)
Sie isoliert drei Gruppen von âMerkmalsräumenâ mit typischen Verhaltensmustern, die als in spezifischen biografischen Gegebenheiten der Heimbewohner wurzelnd interpretiert werden. Beispielsweise wird aus früherer hoher Bedeutung von geregeltem Arbeits- und Lebensrhythmus der Merkmalsraum âVerlust vertrauter Lebensrhythmenâ (121) mit den Verhaltensmustern Umherwandern und Zerstörung von Gegenständen erklärt.
Analog entwickelt sie Charakteristika der Pflegenden mit eigenen Merkmalsräumen wie âbedrohlich wirkende Pflegehandlungenâ (121). Diese wirken kontraproduktiv und verstärken die Desorientiertheit der Bewohner. Sie sind auf die institutionellen Rahmenbedingungen zurückzuführen: âDamit Pflegende ihr Pensum überhaupt schaffen können, legen sie Wert darauf, dass die Bewohner normal handeln und sozial angepasstes Verhalten zeigen.â (122)
Das herausfordernde Verhalten wird weiter verstärkt durch Ãbergriffe seitens nichtdementer Bewohner, Verlust an eigentlich möglicher Selbstständigkeit durch institutionelle Zwänge wie das Anreichen von Essen statt Angebot von Fingerfood, Dauerbeschallung mit Musik und die Geräuschkulisse in Gemeinschaftsräumen. Diese Rahmenbedingungen führen fatalerweise dazu, dass Pflegende ihr eigenes Verhalten, das die Autorin mit Kitwoods maligner Sozialpsychologie erklärt, nicht als entpersonalisierend und depotenzierend wahrnehmen. Höwler spricht von einer âVermeidungsbeziehungâ gegenüber den Bewohnern. Sehr eindringlich beschreibt sie beobachtete Situationen, die deutlich machen, wie unreflektiert Pflegende (die wissen, dass sie beobachtet werden) die Bewohner geradezu in eine aggressive Abwehrhaltung zwingen. Ein Beispiel ihrer Beobachtungen: âBewohner: âAu! Au!â Pflegerin: âSo, jetzt mal auf die Seite drehen!â Sie dreht den Bewohner mit Schwung auf die Seite, sodass [!] er mit Wucht an das Bettgitter fällt. Im letzten Moment kann er sich mit einer Hand daran festhalten. Bewohner: âAu! Au!â Pflegerin: âJa ist gut! Ja ist gut!â Sie wäscht den Rücken. Bewohner schreit laut: âAh! Ah!â Pflegerin: âDer Rücken kann ja gar nicht wehtun! Herr U., ich muss Sie doch waschen!â Die Pflegerin sprüht unter Zeitdruck und ohne Information dem Bewohner Deodorant unter die Achseln.â (131)
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Autorin wichtige Themen aufwirft und Hinweise für die weitere Forschung gibt. Zur ersten Forschungsfrage nach dem Zusammenhang von Biografie und Demenz stellt Höwler fest, dass alle ihre Untersuchungspersonen mit herausforderndem Verhalten die biografische Gemeinsamkeit aufweisen, dass sie im frühen Erwachsenenalter traumatisiert worden sind. Allerdings ist dies vor dem Hintergrund des gemeinsamen Erlebens des Zivilisationsbruchs Nationalsozialismus/ Zweiter Weltkrieg wenig überraschend. Ãberzeugen kann die Autorin jedenfalls mit ihrer Forderung, biografische Besonderheiten im täglichen Umgang zu berücksichtigen und z. B. im Fall von Biografien, die durch das Daseinsthema âKampfâ geprägt gewesen sind, ressourcenorientierte therapeutische Konzepte anzubieten. Es muss um informierte Empathie gehen; die voreilige Interpretation von Verhaltensweisen als Gewissheit vor dem Hintergrund einiger biografischer Daten nimmt dem Bewohner vergleichbar mit bevormundenden Verhaltensweisen Pflegender bei täglichen Verrichtungen ein Stück Autonomie.
Auch zur zweiten Forschungsfrage nach den Unterschieden zwischen den Demenzformen sind die Ergebnisse zwar interessant (unterschiedliche biografische Wege der SDAT- und MID-Patienten), aber quantitativ zu unbedeutend und wenig ausgeführt.
Einer eingehenden Untersuchung harren so bedeutsame Fragen wie die, ob herausforderndes Verhalten durch Pflegeinterventionen nachhaltig gemildert werden kann. Höwlers Forderung, in der Pflegeausbildung verstärkt den Biografiebezug herzustellen, um der AEDL âmit existenziellen Erfahrungen des Lebens umgehenâ gerecht zu werden und sie mit Inhalt zu füllen, kann nur unterstützt werden. In diesem Zusammenhang problematisiert sie niedrigschwellige Bildungsangebote wie den Alltagsassistenten und begründet die Notwendigkeit einer Akademisierung der Erstausbildung. Menschenwürde verursacht Kosten, und Studien wie die vorliegende helfen, die Frage an die Gesellschaft, was ihr eine würdevolle Pflege wert ist, anschaulich zu machen.
  Rezension von Martin Braun
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