Huhn, Siegfried
Gewalt durch Pflegepersonal in Pflegeheimen
Häufigkeit, Formen und Prävention
Grin Verlag, München, 2014, 76 S., 39,99 @ (E-Book 29,99 â¬); ISBN 978-3656759706
Dass alte und pflegebedürftige Menschen in Institutionen Opfer von Gewaltaktionen werden, ist â gemessen an der Zahl der Publikationen â nicht mehr unbedingt ein Tabuthema, gleichwohl ist es natürlich nach wie vor ein heikles Thema.
Der Autor â Krankenpfleger / Gesundheitswissenschaftler und als Pflegeberater tätig â legt nun eine wissenschaftliche Studie zu dem Thema vor. Ziel ist â so der Autor in der Einleitung: âEs werden wissenschaftlich gesicherte Daten über Prävalenz von Gewalt durch Pflegepersonen, über Gewaltformen und Interventionen zur Prävention gesichtet werden und für die Hypothese, das es sich bei Gewalt durch Pflegepersonen nicht um ein Einzelphänomen handelt, das nur über den jeweiligen Täter erklärbar ist, sondern um eine institutionelle, gesellschaftliche und berufspolitische Dimension, die eine Täterschaft begünstigt oder erst möglich macht.â Basis der Studie ist eine âdatenbankbasierte, systematische Literaturrechercheâ.
Nach einer Skizzierung des Themas, vor allem auch der gesundheitspolitischen, rechtlichen und für die Pflege berufspolitischen Relevanz, werden die Situation der betroffenen Bewohner in Pflegeeinrichtungen, die Situation der beruflich Pflegenden sowie die Strukturen der Pflegeeinrichtungen umrissen. Im Anschluss daran werden die gängigen Definitionen von Gewalt und Aggression referiert.
Im Weiteren werden die Untersuchung (Literaturrecherche) beschrieben sowie die Ergebnisse präsentiert und interpretiert. Es werden die Formen von Gewalt, die Bewohner durch Pflegende erfahren, beschrieben und über die Risiken dafür reflektiert, wobei auch institutionelle Faktoren eine Rolle spielen. In dem sich anschlieÃenden Kapitel geht es um Interventionen und Gewaltprävention. Diese reichen von Schulung über Projekte wie âReduktion von freiheitentziehenden MaÃnahmenâ bis hin zu Initiativen wie âPflege in Not Berlinâ. Der Autor sieht seine Hypothese bestätigt und natürlich âeinen groÃen Bedarf an robusten Studienâ.
Nach der Lektüre des Buches, die, zumindest für denjenigen, der sich mit dem Thema schon einmal ansatzweise beschäftigt hat, keine nennenswerten neuen Aspekte bringt, bleiben einige Fragen offen.
- Die Literaturrecherche erfolgt in deutsch- und englischsprachigen Publikationen. Es gibt inzwischen im deutschsprachigen Bereich wenigstens 20 relevante Fachzeitschriften für den Pflegebereich. Der Autor beschränkt seine Recherche auf vier davon und drei wissenschaftliche Pflegezeitschriften. Die Begründung für Auswahl der deutschsprachigen Fachzeitschriften ist wenig plausibel: Sie erfolgt nach der Markeinführung, dem Themenbezug, der Auflagenstärke und dem Verbreitungsgrad. Ebenso wenig plausibel ist die zeitliche Beschränkung auf die Zeit ab 2007 bis zur Arbeit an der Studie im Oktober 2013. Hätte der Autor sein wissenschaftliches Interesse auch auf die 20 Jahre davor erweitert, hätte er problemlos feststellen können, dass seine Hypothese keineswegs neu ist, sondern schon Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ausführlich diskutiert wurde.
- In den deutschsprachigen Zeitschriften sucht der Autor anhand von Jahresinhaltsverzeichnissen; er findet dabei in den Fachzeitschriften 12 Beiträge mit einem âBezug auf Gewalt durch Pflegepersonen in Pflegeeinrichtungenâ und 2 in den wissenschaftlichen Zeitschriften. Da er als Schlagworte für die Suche nur englische Begriffe angibt (für die Suche in englischsprachigen Publikationen), wird nicht transparent, nach was er in den deutschen Publikationen gesucht hat. Gleichwie â die von dem Rezensent geführte Bibliografie zum Thema enthält auch in dem besagten Zeitraum in den angegebenen Publikationen gut doppelt so viele Beiträge.
- Nach der Beschreibung des Kontextes (Bewohner, Pflegende, Pflegeeinrichtungen) und der Vorstellung der in der Literatur vorhandenen Definitionen von Gewalt schlägt der Autor Folgendes vor: âDeshalb empfiehlt der Verfasser für die Diskussion von Gewalt durch Pflegepersonen gegen Bewohner von Pflegeeinrichtungen die Trias âGrenzverletzung â Misshandlung â Vernachlässigungâ auch in Abgrenzung zu möglichen in der Pflegearbeit notwendigen Handlungen gegen den Willen der Person oder mit Einfluss auf sein körperliches oder seelisches Erleben, wie etwa die Kontrolle der Flüssigkeitsaufnahme, HygienemaÃnahmen oder das Bewegen im Bett einhergehend mit vorübergehend unangenehmen Empfindungen oder Schmerzen zur Verhütung weiterer Komplikationen.â Dem Rezensenten sind keine konkreten Zahlen darüber bekannt, wie hoch der Anteil der Gewaltaktionen in Pflegeeinrichtungen ist, die im Kontext der von dem Autor als ânotwendige Handlungenâ angesehenen MaÃnahmen erfolgen â hier wäre Forschung sinnvoll. Auch wenn es unstrittig richtig ist, dass manche MaÃnahme nicht zu umgehen ist, ist der Vorschlag des Autors aus Sicht des Rezensenten in hohem MaÃe problematisch. Der Autor macht es sich hier einfach. Es muss danach nämlich nicht ernsthaft bedacht werden, dass pflegerische Arbeit per se in vielerlei Hinsicht Grenzüberschreitung bedeutet â die einschlägige Literatur zu dieser Frage fehlt bei dem Autor. Auch muss, wenn man dem Autor folgt, z. B. der BMI-Terror, mit dem die Medizinischen Dienste und Heimaufsichten die Einrichtungen sowie die dort Tätigen überziehen, nicht diskutiert werden; die alberne Vorstellung, dass ein alter Mensch wohlgenährt und -gewässert stirbt, kann unhinterfragt bleiben. Die Frage, ob die Nahrungsverweigerung eines Menschen mit Demenz eine zu beachtende Willenserklärung ist, braucht nicht gestellt zu werden; ebenso können freiheitsentziehende MaÃnahmen zur Sicherung einer PEG-Sonde bei einem Menschen mit Demenz als ânotwendigâ gerechtfertigt werden.
Wenn der Autor seine Hypothese bestätigt sieht, dass Gewalt durch Pflegende an Pflegebefohlenen keine Einzelaktionen sind, sondern es dafür institutionelle und gesellschaftliche Hintergründe gibt, ist ihm zuzustimmen. Seine Betrachtung bleibt allerdings auf halber Strecke stehen; hier wird nur die Spitze des Eisbergs gekappt.
Zwei abschlieÃende Anmerkungen seien erlaubt:
- Dem Text hätte ein sorgfältiges Lektorat gutgetan; allein der Duden-Korrektor hätte schon Vieles begradigt; auch die Beachtung der alten Schulregel, dass ein Satz Subjekt, Prädikat und Objekt enthält, würde an manchen Stellen das Lesen erleichtern.
- Der Preis für eine 76-seitige Publikation, die kaum neue Erkenntnisse bietet, ist sowohl für die Print- als auch für die E-Ausgabe, freundlich gesprochen, grenzwertig.
Rezension von Paul-Werner Schreiner
