Palliativ Care |
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Der ehemalige Leiter des Hospizes Stuttgart, Johann-Christoph Student, und die Leiterin der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie für Bildung und Forschung im Hospiz Stuttgart, Annedore Napiwotzky präsentieren, so darf vermutet werden, in dem vorliegenden Buch die Inhalte, die sich in der an der Akademie durchgeführten Palliativ-Pflege-Weiterbildung als wesentlich herausgebildet haben.
Quasi als Leitidee weisen die Autoren der Pflegebeziehung eine zentrale Bedeutung in der Palliativpflege zu â der Beziehung der Pflegenden zu den Kranken und deren Angehörigen. Als Schlüsselkompetenzen â sie sind im Untertitel des Buches angedeutet â werden âumfassend wahrnehmenâ, âKommunikation/Kooperationâ sowie âSchutz gebenâ herausgestellt.
Die Ausführungen sind in vier Abschnitte gegliedert:
- Grundlagen
Im ersten Kapitel wird die Geschichte von Hospizbewegung und Palliativ Care nachgezeichnet und es werden die entsprechenden Konzepte skizziert.
Im zweiten Kapitel wird aufgezeigt, wo Hospizarbeit und Palliativ Care realisiert werden. Zum Abschluss dieses Kapitel werden einige Erwägungen darüber angestellt, wie die Zukunft aussehen kann. Die Autoren beziehen sich dabei auf das von Klaus Dörner zur Diskussion gestellte Konzept der Deinstitutionalisierung â das Heim sei ein Auslaufmodell; es wird auf neue Pflege- und Wohnformen gesetzt. âVoraussetzung für das Funktionieren solcher Modelle ist allerdings, dass hierzu künftig wieder mehr Hilfen aus Initiativen der Nachbarschaft, aus Freundeskreisen oder auch einfach aus den Kreisen der Mitbürgerinnen und Mitbürger in Kommunen und Kirchengemeinden kommen. Dies alles selbstverständlich unter Mitwirkung von Professionellen. Wenn auf diese Weise neue Lebens- und Wohnformen für Pflegebedürftige und sterbenskranke Menschen realisiert würden, wären wir dem Ziel einer Lösung der Pflegeprobleme für das Jahr 2030 ein gutes Stück näher gekommen.â Auch wenn die Vision nicht zu kritisieren ist, wären doch zwei kritische Fragen zustellen. Mit Verweis auf Dörner geben die Autoren an, dass âschon heute bundesweit 70% aller Pflegebedürftigen von ihren Familien gepflegtâ werden. Das ist richtig, allerdings stimmt die Wertung des âschonâ nicht, es muss nämlich heiÃen, dass heute ânochâ 70% der Pflegedürftigen in den Familien gepflegt werden â vor 20 Jahren waren es noch über 80%. Und den geneigten Betrachter würde schon interessieren, was wir mit den zahlreichen heute 50 Jahre alten Singles in 20 Jahren machen. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass die logische Folge davon, dass so weit wie möglich ambulant gepflegt wird, ist, dass in den Institutionen die Menschen mit schwersten Versorgungsproblemen untergebracht werden â hier wäre die Frage nach dem ebenfalls von Klaus Dörner als wichtig erachteten Verdünnungsprinzip zu stellen.
Im dritten Kapitel wird das Basiskonzept einer professionellen Palliativpflege entfaltet. - Allgemeine palliative Pflege
Im ersten Kapitel dieses Abschnittes wird in das eingeführt, was die Autoren als palliative Haltung bezeichnen: âPalliative Care meint neben dem Fachwissen vor allem eine ganz bestimmte Haltung, die in der palliativen Pflege gelebt wird. Es bedeutet in erster Linie ein Miteinander und eine Solidarität von Menschen, die in dem Bewusstsein ihrer eigenen Sterblichkeit leben. Dieses Bewusstsein macht sensibel für eigene Bedürfnisse und damit auch für die Bedürfnisse Anderer - im Leben wie im Sterben. â¦. Deshalb ist es notwendig, dass die Begleiterinnen keine Sterbebegleitungstheorie lernen, sondern sich in die Sterbebegleitung als ganze Person einbringen und ihre Wahrnehmung und Intuition schulen und Offenheit im Begleitungsteam wagen.â
Im weiteren Verlauf dieses Abschnittes werden die oben erwähnten drei Schlüsselkompetenzen, die am Ende des ersten Abschnittes auch schon kurz umrissen wurden, ausführlich behandelt. Im Zentrum von âUmfassend wahrnehmen" stehen die bekannten Sterbephasen. Bezüglich der zweiten Schlüsselkompetenz âKommunikation/Kooperationâ wird im Besonderen auf die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen und den Angehörigen anderer Professionen abgehoben. Unter dem Stichwort âSchutz gebenâ werden die Symptomkontrolle kurz angerissen, Möglichkeiten aufgezeigt, wie Geborgenheit vermittelt werden kann, und den Pflegenden zu Gebote stehende Therapien (Basal Stimulation usw.) dargestellt. Rituale des Abschiednehmens werden behandelt, und es wird die Bedeutung der Selbstpflege der Pflegenden betont. - Situationsspezifische palliative Pflege
Es werden die psychosoziale, die körperliche sowie die spirituelle Dimension der pflegerischen Arbeit in der palliativen Pflege ausgeleuchtet, wobei die Ausführungen zur körperlichen Dimension den gröÃten Umfang beanspruchen. Hier geht es ausführlich um Symptomkontrolle. Gewünscht hätte man sich in dem Unterkapitel zu terminalen Dehydratation einige klärende Ausführungen zu der vielfach (sicherlich nicht im Hospiz) bedenkenlos eingesetzten subkutanen Flüssigkeitsgabe, welchen physiologischen Bedingungen dieses Verfahren unterliegt und welche Grenzen und Kontraindikationen aus diesem Grund zu beachten sind. - Moral, Ethik und Recht in der Palliative Care
Nach kurzen Erläuterungen dazu, was unter Ethik, Moral und Recht zu verstehen ist, geht es im ersten Abschnitt im Wesentlichen um die Frage, wie Menschen sterben möchten und wer Entscheidungen fällt â um das Reizthema âPatientenverfügungâ. Johann-Christoph Student führt hier seine bekannte und auch an derer Stelle dargelegte kritische Sichtweise zu Patientenverfügungen aus, die im Ergebnis darauf hinauslaufen, dass Patientenverfügungen nicht beachtet werden dürfen, weil grundsätzlich zu unterstellen ist, dass der Mensch, wenn er nicht mehr entscheidungsfähig ist, anders entscheiden würde als zu Zeiten, in denen er Entscheidungen treffen konnte. Leider wird mit dieser Sichtweise die Chance vertan, die sehr wohl zu problematisierenden Aspekte der Patientenverfügungen aufzuzeigen und Möglichkeiten eines angemessenen Umgehens mit diesem Instrument aufzuzeigen. Die in diesem Abschnitt dargelegte Sichtweise der Autoren kann man sicher nicht als konstitutiv für Palliative Care akzeptieren.
Kurz wird auf das Betreuungsrecht und die Problematik des mutmaÃlichen Willens eingegangen.
Thema des weiteren auch nicht sehr erschöpfenden Kapitels ist die Sterbehilfe-Diskussion â Passive Sterbehilfe, Indirekte Sterbehilfe und Aktive Sterbehilfe. Hilfreich ist hier sicher der Hinweis, dass mit einer situationsangemessenen Dosierung von Morphinen nicht der Tod herbeigeführt werden kann, dass dies vielmehr immer eine nicht begründbare Ãberdosierung voraussetzt.
Ebenfalls ganz kurz wird im letzten Kapitel die Entwicklung einer Kultur der ethischen Entscheidungsfindung angerissen.
Die dem Buch beiliegende DVD enthält insgesamt 21 Filmsequenzen, von denen in dem Rezensionsexemplar 2 leider nicht wiedergegeben werden konnten (Sequenzen 12 und 13). Die Sequenzen unterstützen instruktiv die Ausführungen im Buch. Bei 3 Sequenzen â âBewegungsökonomieâ und âIn Rückenlage zum Kopfendeâ sowie âTransfer von der Transportliege ins Bettâ â wird leider absolut rückenschädliches Handling gezeigt, wobei die Betten und auch die Transportliege jeweils in eine angemessene Arbeitshöhe hätten gebracht werden können. Ob das kinästhetische Rutschen vom Bett auf den Stuhl immer angemessen ist, muss im Hinblick auf Menschen mit einem gestörten Körpergefühl in Frage gestellt werden â bei der konkreten Patientin mit eingegipstem Bein ist es vermutlich unschädlich. Auch wenn man geneigt ist, es als akzeptabel anzusehen, dass im Bereich des Hospizes nicht in steriler weiÃer Arbeitskleidung gearbeitet wird, müssen doch einige Fragen hinsichtlich der Hygiene gestellt werden, wenn pflegerische Handlungen mit Körperkontakt ohne Schutzkleidung dargestellt werden.
Im Weiteren enthält die DVD einige Musikstücke, die zur Entspannung geeignet sind, sowie Hörtexte.
SchlieÃlich finden sich einige Arbeitsmaterialien auf der DVD, so z. B. ein Schmerztagebuch.
Die kritisierenden Punkte wirken in keiner Weise so schwer, dass das Buch nicht zur Lektüre zu empfehlen werden kann.