
Reggentin, Heike und Jürgen Dettbarn-Reggentin
Freiwilligenarbeit in der Pflege
Pflegearrangement als zukünftige Versorgungsform
W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2012, 159 S., 29,90 â¬, ISBN 978-3-17-019306-2
 Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling
Vor dem Hintergrund des demografischen und sozialen Wandels unserer Gesellschaft gewinnt die zukünftige Gestaltung und Neuorientierung des Sozial- und Gesundheitssystems zunehmend an Bedeutung. Aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln wird dabei der Frage nachgegangen, inwieweit die Gemeinschaft und ihre Solidarstrukturen auch in Zukunft den Herausforderungen gewachsen sein werden. Während die grundsätzliche Verlässlichkeit unserer sozialen Sicherungssysteme nicht in Frage gestellt wird, scheint deren Umfang an Leistungen längerfristig nicht mehr in dem bisherigen Ausmaà möglich zu sein. Bereits heute schon werden in die Versorgung pflege- und betreuungsbedürftiger Menschen zunehmend Freiwillige einbezogen. Dabei stehen veränderte und steigende Erwartungen an die Pflege bei gleichzeitiger Kostenbegrenzung ebenso hinter den Forderungen nach einem Ausbau des Laienhelfersystems wie abnehmende Pflegepotenziale in der häuslichen und stationären Pflege.
In ihrem Buch âFreiwilligenarbeit in der Pflege. Pflegearrangement als zukünftige Versorgungsformâ setzen sich Heike Reggentin und Jürgen Dettbarn-Reggentin mit den Notwendigkeiten, Chancen und Risiken der Pflege und der Betreuung durch Laienhelfer auseinander. Hierbei fragen sie nicht nur nach dem Bedarf, den Potenzialen, den Qualitätsstandards und der Motivation Freiwillig Engagierter, sondern werfen auch die Frage auf, welchen Einfluss der Einsatz Freiwilliger auf das Kosten- und Leistungssystem nehmen wird. Ihre Darstellung basiert im Wesentlichen auf den Ergebnissen des âFreiwilligensurveys 1999-2009â, dem âSozioökonomischen Panelâ sowie weiterer kleinerer Studien, die â angeregt durch die Expertise âFreiwilliges Engagement in der Pflege und Solidarpotentiale innerhalb der Familieâ â von den AutorInnen für die Enquetekommission Pflege des Landes Nordrhein-Westfalen erstellt wurden.
Heike Reggentin, Diplom-Politologin, Sozialwissenschaftlerin und Gerontologin, veröffentlichte neben einer Reihe von Beiträgen in pflegerischen Fachzeitschriften eine Vielzahl an Schriften, darunter âDie gesellschaftliche und politische Situation der alten Menschen in der Bundesrepublik Deutschland und die Möglichkeiten der Selbstorganisationâ (Berlin 1982), (mit Jürgen Dettbarn-Reggentin) âNeue Wege in der Bildung Ãlterer. Band 1: Theoretische Grundlagen und Konzepteâ (Freiburg im Breisgau 1992), (mit Jürgen Dettbarn-Reggentin) âNeue Wege in der Bildung Ãlterer. Band 2: Praktische Modelle und Projekteâ (Freiburg im Breisgau 1992), âSeniorenvertretungen â Verantwortung für das Gemeinwesen. Dokumentation der Fachtagung vom 25. - 27. November 1996, Berlinâ (Stuttgart 1997), âAlternative Wohnformen für Menschen mit demenziellen, geistigen und körperlichen Einschränkungenâ (Merching 2011).
Jürgen Dettbarn-Reggentin, M.A., Sozialwissenschaftler, Gerontologe, Architekt und Gesellschafter des Instituts für sozialpolitische und gerontologische Studien (ISGOS) Berlin, veröffentlichte ebenfalls neben einer Reihe von Beiträgen in pflegerischen Fachzeitschriften eine Vielzahl an Schriften, darunter (mit Heike Reggentin) ââWir wollen Unruhe in die Ratsparteien bringenâ. Seniorenbeiräte und -vertretungen in der Bundesrepublikâ (Bonn 1990), (mit Michael Reichenbach) âDemenzkranke in Wohngruppen betreuen und fördern. Ein Praxisleitfadenâ (Stuttgart 2006), (mit Michael Reichenbach) âBau- und Wohnkonzepte für alte und pflegebedürftige Menschen : Praxisbeispiele, Planungshilfen, technische Daten und medizinische Grundlagenâ (Frankfurt am Main 2007), âPlanungsCheck barrierefreies Bauen. Planungsleitfaden für die barrierefreie Gestaltung von Gebäuden und Freiräumen gemäà der geltenden Verordnungen und Normenâ (Merching 2008).
Arbeitsschwerpunkte der beiden AutorInnen sind: Forschungen zu Pflege, Wohnen und Demenz, Milieutherapie, alternative Wohnformen für Menschen mit demenziellen, geistigen und körperlichen Erkrankungen, Ambient Assisted Living (AAL), Beratung und Begleitung bei deren Umsetzung.
âFreiwilligenarbeit in der Pflegeâ gliedert sich nach dem Vorwort (S. 7-8) und einer Einführung (S. 9-12) in die folgenden neun, zum Teil sehr unterschiedlich langen Kapitel, die ihrerseits jeweils mehrere Untergliederungspunkte aufweisen:
- Grundfragen in der Versorgung hilfe- und pflegebedürftiger Menschen (S. 13-31)
- Solidarität im System häuslicher Pflege (S. 32-48)
- Freiwilligenarbeit, Freiwilliges Engagement, Ehrenamt (S. 49-69)
- Engagementbereiche in der Pflege und Betreuung (S. 70-98)
- Freiwilliges Engagement als Lernfeld in einem handlungsbezogenen Bildungsansatz (S. 99-107)
- Soziale Netzwerke und Kommunikation im Freiwilligen Engagement (S. 108-114)
- Gemeinwesenbezogene Netzwerke â Freiwilliges Engagement â Bürgerschaftliches Engagement (S. 115-118)
- Was fördert ein Freiwilliges Engagement in der Pflege? (S. 119-133)
- Perspektiven der Freiwilligenarbeit in der Pflege und für die soziale Sicherung (S. 134-140).
Ergänzt wird die Darstellung, die eine Vielzahl an Tabellen und Grafiken enthält, durch eine âZusammenfassung und Diskussionâ (S. 141-143), ein Literaturverzeichnis (145-151), ein Ãberblick über vorhandene âKonzepteâ (S. 152), ein Stichwortverzeichnis (S. 153-156) sowie ein kombiniertes Abbildungs- und Tabellenverzeichnis (S. 157-159).
Zur Entstehung beziehungsweise Bedeutung der vorliegenden Veröffentlichung schreiben Heike Reggentin und Jürgen Dettbarn-Reggentin im Vorwort unter anderem: âDen in der folgenden Darstellung im Fokus stehenden freiwillig Engagierten und der Freiwilligenarbeit kommt in dem Angebots- und Leistungsspektrum des Sozial- und Gesundheitsbereichs eine zunehmend tragende Rolle zu. Der Entlastungseffekt des freiwilligen Engagements in der Pflege liegt in der Stützung des sozialen Zusammenhalts durch neue Formen der Solidarität und Integration. Ein weiterer Aspekt liegt in der Sicherung der Individualität bzw. der individualisierten Lebensweise auch bei Pflegebedürftigkeit. Soziale Ungleichheiten, die durch Pflegebedürftigkeit verschärft werden, könnten damit etwas an ihrer Brisanz verlieren. Nicht zuletzt verschaffen sich freiwillig Engagierte auch selbst einen Gewinn durch die Erweiterung ihres persönlichen Netzwerkes und den Erwerb sozialer Kompetenzâ (S. 7).
Im 1. Kapitel werden vor dem Hintergrund des demografischen und sozialen Wandels unserer Gesellschaft zunächst einige Grundprobleme in der aktuellen wie auch der zukünftigen pflege- und betreuerischen Versorgung dargestellt. Der Intention ihrer Buches entsprechend lenken die AutorInnen dabei die Aufmerksamkeit auf die noch nicht ausgeschöpfte Ressource âFreiwilliges Engagementâ. Wenn nicht genügend Mittel, nicht ausreichend vorhandenes Personal und abnehmende private Pflegepotentiale und -bereitschaften zu erwarten sind, stelle sich die Frage, ob sich die bereits heute anzusehenden Versorgungsprobleme nur mit Unterstützung von informellem Freiwilligen Engagement und Humankapital bewältigen lassen. âEs wird davon ausgegangen, dass die vorhandenen Ressourcen häuslicher Solidarität, freiwillig Engagierter und professioneller Hilfen nur mit Pflegearrangements verlässliche Bündnisse bilden, mit denen die Gestaltung zukünftiger Anforderungen in der Pflege bewältigt werden könnenâ (S. 14).
Die Pflegepotentiale, die zukünftigen Veränderungen in der Familie und deren mögliche Auswirkungen auf die Pflege und die Hauptpflegepersonen sind Gegenstand des Kapitels 2. Um den Bestand wie auch den Wandel der Zusammenlebensform âFamilieâ erfassen zu können, gehen Heike Reggentin und Jürgen Dettbarn-Reggentin in ihrer Darstellung zunächst von dem Konzept der Haushaltsperspektive aus, in dessen Zentrum die Kernfamilie steht. Daneben beziehen sie aber auch Ein-Elternfamilien und nicht eheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern ein. Die bisher als überwiegend positiv gezeichnete Pflegesituation in Privathaushalten wird ihres Erachtens nur dann den in sie gesetzten Erwartungen gerecht, wenn die Pflegepersonen mit ihrer Verantwortung nicht allein gellassen werden. Hierbei gelte es insbesondere, sie vor seelischen und körperlichen Ãberlastungen zu schützen und vor sozialer Isolation zu bewahren. Vorrangige und dringlichste Aufgabe sei deshalb die Unterstützung der Pflegepersonen durch weitere Angehörige, Nachbarn, Freunde oder auch unbezahlte ehrenamtliche Helfer. Weitere Hilfen könnten von professionellen Kräften geleistet und durch ergänzende komplementäre Dienste erbracht werden. âZusammengenommen steht an erster Stelle das persönliche Netzwerk an Hilfen im Nahbereich der Pflegeperson mit seinen selbstorganisierten und selbstgetragenen Arrangements. Weitere Unterstützung wird durch das Quartier, die Wohnumgebung oder Siedlung geleistetâ (S. 39).
Im 3. Kapitel wird gefragt, welche Unterstützung pflegende Personen bekommen und wie freiwillige Helfer gewonnen werden. Hierbei gehen die AutorInnen auf der Grundlage der Befragungsergebnisse verschiedener Erhebungen der letzten Jahre zum Ausmaà und Verbreitung freiwilligen Engagements auch der Frage nach, ob freiwillig Engagierte bereit sind, prekäre soziale Netzwerke pflegebedürftiger Menschen zu stärken und zu erweitern. Nach Ansicht von Heike Reggentin und Jürgen Dettbarn-Reggentin ist das Potential freiwillig Engagierter in gesellschaftlichen Bereichen wie Betreuung und Pflege in den Befragungen nur schwer einem Sektor zuzuordnen. Die erfolgversprechendste Methode, um Ehrenamtliche in den besagten Gebieten zu gewinnen, sei die individuelle Ansprache: âDie Personen müssen in direktem persönlichen Kontakt angeworben werden. Durch direkte Ansprache lassen sich am ehesten bestehende Barrieren gegenüber einem Freiwilligen Engagement abbauen. Die Erfahrungen mit Freiwilligenzentralen, Seniorenbüros oder sonstigen zentralen Vermittlungsstellen scheinen dagegen nicht erfolgversprechendâ (S. 69).
Freiwillig Engagierte, ihre Motivation, Tätigkeit und Qualifikation, stehen im Mittelpunkt von Kapitel 4, wobei die AutorInnen das Freiwillige Engagement als Bestandteil von Pflegemix-Strukturen gegenüber professionellen Dienstleistungen abgrenzen. Ihrer Darstellung zufolge liegen die Leistungen der Ehrenamtlichen schwerpunktmäÃig im betreuerischen Bereich, weniger in körperbezogener Hilfe und Pflege. Die Leistungen umfassten dabei Unterstützung in der Erhaltung sozialer Kompetenz durch regelmäÃige Gespräche, Begleitung bei Freizeitaktivitäten und Begegnungen mit anderen Personen, Aufsuchen von Institutionen, Ãrzten oder notwendige Besorgungen, Vorlesen oder Spiele spielen. Eine Abgrenzung und somit eine Unterscheidung zwischen den professionellen Helfern und den ehrenamtlich Tätigen sowie auch der bezahlten Laienhelfer erfolge in der Regel anhand der Fachlichkeit der Helfer und der berufsmäÃigen Ausübung. Nach Ansicht von Heike Reggentin und Jürgen Dettbarn-Reggentin wird die Zukunft der häuslichen Pflege in den kommenden Jahren davon bestimmt, die vorhandenen primären Netzwerke zu sichern und dort, wo sie prekär sind oder drohen prekär zu werden, zu ergänzen (zu komplettieren) und gegebenenfalls zu verbessern. Die Perspektive in der Pflege läge somit in der Verschränkung von privat erbrachten Leistungen mit ergänzenden Diensten. âFreiwillig Engagierte nehmen in den Ãberlegungen zum Pflegemix eine exponierte Stellung ein. Es wird davon ausgegangen, dass die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Arbeit in der Pflege in der Zukunft entwickelbar istâ (S. 97).
Selbstgesteuertes Lernen stellt eines der zentralen Merkmale Freiwilligen Engagements dar. Vor dem Hintergrund eines handlungsbezogenen Lernmodells wird in Kapitel 5 der Ansatz der Bildung von Empowerment verfolgt. Laut der AutorInnen spielt die Wechselwirkung des Lernens in formellen und informellen Strukturen zwischen den Tätigkeiten im Freiwilligen Engagement (Ehrenamt, Selbsthilfe) und der beruflichen Arbeit / Ausbildung bei den Akteuren zumindest zu Beginn des Berufslebens offensichtlich eine erhebliche Rolle. âDie Gestaltung der Lernschritte im Freiwilligen Engagement ermöglicht Transformationsprozesse zum Erwerbsleben und kann so eine parallele Karriere oder einen eigentlichen âBerufâ respektive einen Qualifikationsinhalt oder auch eine neue Chance einleiten, je nach Stellung innerhalb oder auÃerhalb des Erwerbslebensâ (S. 102).
Kapitel 6 beschreibt die Entstehung von Netzwerkstrukturen zwischen freiwillig Engagierten im häuslichen oder auch im stationären Umfeld und den von ihnen betreuten Menschen. Nach Heike Reggentin und Jürgen Dettbarn-Reggentin enthält das soziale Netzwerk den Grundgedanken, Personen innerhalb und auÃerhalb ihres Ursprungsmilieus miteinander zu verbinden, in der Absicht, Hilfepotenziale zu erschlieÃen. Das Freiwillige Engagement stelle eine netzwerkorientierte Intervention dar, mit der Ausrichtung auf Einzelpersonen oder bestehende Primärgruppen (Pflege-Familien). Allgemein werde davon ausgegangen, âdass Netzwerkmitglieder Träger wie Empfänger emotionaler, kognitiver wie auch materieller Hilfen sindâ (S. 110).
Diesem Ansatz wird auf übergeordneter Ebene, dem Gemeinwesen, in Kapitel 7 nachgegangen. Kommunale Gesundheits- und Sozialpolitik habe dabei, so die AutorInnen, insbesondere mittels der Eingliederungshilfe für Behinderte und der Seniorenpolitik für alte Menschen auch den Aspekt der Betreuung und Pflege zu koordinieren. Der demografische Wandel mit seinen Folgeerscheinungen, wie dem steigenden Gewicht individuellerer Lebenswelten mit höheren Anteilen an Singlehaushalten, sinkenden Geburtenzahlen und weniger junge Menschen, Wanderungsbewegungen und nicht zuletzt steigenden Lebenserwartungen und dadurch mehr älteren Menschen, mache eine Anpassung an die Versorgungsstrukturen in den Kommunen erforderlich. âDer hier begonnene Weg kommunaler Planung durch Schaffung von Netzwerkstrukturen und Ausbau der Pflegeplanung wird auf einer weitaus differenzierteren Datenlage gegründet, als es die vormals weit verbreiteten Altenpläne geboten haben. Deren Planungsausrichtung folgte in der Regel den Bedarfsrichtwerten, die jedoch für eine örtliche Planung nicht mehr ausreichend warenâ (S. 118).
In Kapitel 8 werden in verschiedenen Zusammenhängen und an Hand von konkreten Beispielen fördernde Strukturen im Pflege- und Betreuungsbereich aufgezeigt. In der häuslichen wie auch in der institutionalisierten Pflege sollten die freiwillig Engagierten, so Heike Reggentin und Jürgen Dettbarn-Reggentin, dazu beitragen, die pflegenden / betreuenden Angehörigen zu entlasten. Die Abgrenzung von Pflegeberufen gegenüber dem Freiwilligen Engagement liege in der Wahrnehmung von Tätigkeiten, âdie sich weder mit denen der Hauptamtlichen überschneiden noch in das besondere Fürsorgeverhalten der Angehörigen eindringenâ (S. 120).
SchlieÃlich wird in Kapitel 9 nach den Perspektiven der Freiwilligenarbeit in der Pflege und für die soziale Sicherung gefragt. Mit der Zunahme an Leistungen durch freiwillig Engagierte seien, so die AutorInnen, qualitative und quantitative Auswirkungen auf die Pflege verbunden. In der Qualität der Pflege und Betreuung wirke sich dabei der höhere Anteil an Laienhelfern mit Weiterbildung in Pflegethemen förderlich auf die häusliche Versorgung aus. Schwieriger entwickele sich hingegen die Kooperationsformen zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen. Ehrenamt sei zwar âannähernd kostenfrei aber nicht umsonst zu haben. Seine Rekrutierung, Organisation, Weiterbildung und Begleitung kann sich als sehr aufwendig erweisen und muss dennoch langfristig angelegt werden, wenn sie nicht zufällig geschehen sollâ (S. 140).
Am Ende ihrer Darstellung konstatieren Heike Reggentin und Jürgen Dettbarn-Reggentin in einer kurzen âZusammenfassung und Diskussionâ, dass die Rolle der freiwillig Engagierten in der Pflege und Betreuung in den vergangenen Jahren in der häuslichen Versorgung Pflegebedürftiger begonnen hat, verlässliche und berechenbare Strukturen anzunehmen. Wörtlich halten sie hierzu fest: âMit der enormen Kraft pflegender Angehöriger und ihrer selbst organisierten Zusammenschlüsse im Selbsthilfesektor oder von pflegenden Angehörigen demenziell Erkrankter ist im Bereich der häuslichen Versorgung ein dritter Sektor zwischen Markt und Staat entstandenâ (S. 141).
Nach Ãberzeugung der AutorInnen ist die Gewinnung von ehrenamtlichen Kräften für den Sozial- und Gesundheitsbereich angesichts wachsender Nachfrage und noch nicht ausgeschöpfter Potentiale in den höheren Altersgruppen zukünftig noch ausbaufähig, âsodass die häusliche Pflege aber auch die stationäre Versorgung mit verstärkter Unterstützung rechnen könnenâ (S. 141). Zugleich mahnen sie an, genau darauf zu achten, das Ehrenamt nicht als LückenbüÃer und Ersatz für hauptamtliche Mitarbeiter zu missbrauchen. Aufgaben für freiwillig Engagierte seien daher genau zu benennen und von denen der Hauptamtlichen abzugrenzen.
Ausgehend von der Feststellung, dass das Grundprinzip der Freiwilligkeit ein vorrangiger Bestandteil in der ehrenamtlichen Tätigkeit ist, fragen Heike Reggentin und Jürgen Dettbarn-Reggentin schlieÃlich auch danach, ob es längerfristig eine âneue Kultur des Helfensâ braucht? Es stelle sich die Frage, ob auf Dauer âmoralischer Druckâ ausreicht, genügend freiwillig Engagierte für den Pflegebereich zu gewinnen. Voraussichtlich werde es wohl âzu einer verpflichtenden Ãbernahmeâ von Hilfeleistungen analog der Ãbernahme eines politischen Mandats, Schöffen, oder Feuerwehr und ähnlichem kommen, es sei denn, die Bürger sorgten vorbeugend selbst für einen ausreichenden Versorgungsschutz wie zum Beispiel in der Gründung von Genossenschaften, die heute geleistete Pflegezeiten gutschreiben und später bei Eigenbedarf bei Pflegeunterstützung abrufbar sind. Dann allerdings werde die verbindliche Pflegeleistung relativiert und Sozialkapital für den eigenen Bedarf angespart. AbschlieÃend halten die AutorInnen hierzu fest: âDas Freiwillige Engagement ist von verschiedenen Seiten gefährdet korrumpiert zu werden. Als kalkulierter Einsatz kann es die bestehenden Versorgungsinstitutionen in ihrer Ausrichtung festigen und dabei den Mehrwert durch Freiwilliges Engagement in der erweiterten Kommunikation, Gemeinschaftsbildung, sozialer Vernetzung und nicht zuletzt in der Entwicklung von Empowerment im Engagement verlieren. Deshalb darf Freiwilligenarbeit nicht gegen bezahlte Tätigkeiten ausgespielt werden, sonst geht die Chance auf eine Humanisierung institutioneller Strukturen verlorenâ (S. 143).
Angesichts des demografischen und sozialen Wandels unserer Gesellschaft steht unser Sozial- und Gesundheitssystems im Allgemeinen und die Versorgung pflege- und betreuungsbedürftiger Menschen im Besonderen zweifelsfrei vor gravierenden Problemen. Vor diesem Hintergrund haben sich Heike Reggentin und Jürgen Dettbarn-Reggentin intensiv mit dem Thema âPflegearrangement als zukünftige Versorgungsformâ auseinandergesetzt. Ihr hierzu mit vielerlei Zahlen, Daten und Fakten vorgelegtes Buch âFreiwilligenarbeit in der Pflegeâ ist daher hoch aktuell, zumal es auf viele Fragen noch keine befriedigende Antwort gibt. Ob und inwieweit die sich immer stärker abzeichnenden Probleme durch âFreiwilliges Engagementâ gelöst werden können, muss sich freilich erst noch zeigen. Zwischenzeitlich gehört das vorliegende Buch zur Pflichtlektüre für diejenigen, die sich auf politischer Ebene mit der Zukunft unseres Sozial- und Gesundheitssystems beschäftigen. Darüber hinaus sollte es in jedem Fall aber auch von den unmittelbar Betroffenen, den Pflegenden im ambulanten und stationären Sektor, zur Kenntnis genommen werden, weil diese Bereiche in dem jetzt bestehenden Umfang längerfristig ohne âFreiwilliges Engagementâ nur noch schwerlich aufrechterhalten werden können.