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So viel Anfang war nie.Sächsische Diakoniegeschichte in den 1990er Jahren. (Rezension)

Ulfried Kleinert (Hrsg.): So viel Anfang war nie.Sächsische Diakoniegeschichte in den 1990er Jahren. Evangelische Verlagsanstalt. Leipzig, 2004, Paperback, 328 S., 18,80 Euro. ISBN 3-374-02218-9Rezension von: Dr. Hubert KollingPolitik und Wirtschaft währen begeistert von solch
20. Februar 2014 durch
So viel Anfang war nie.Sächsische Diakoniegeschichte in den 1990er Jahren. (Rezension)
Andreas Lauterbach

Ulfried Kleinert (Hrsg.): So viel Anfang war nie.Sächsische Diakoniegeschichte in den 1990er Jahren.

 

Evangelische Verlagsanstalt. Leipzig, 2004, Paperback, 328 S., 18,80 Euro. ISBN 3-374-02218-9

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Politik und Wirtschaft währen begeistert von solch gewaltigen Zahlen: Innerhalb von zehn Jahren wuchs die Anzahl der hauptamtlichen Beschäftigten um mehr als das Sechsfache auf 15.699 an, während gleichzeitig über eine Milliarde Euro für Bauvorhaben ausgegeben wurden. Fast ebenso stark wie die Mitarbeiterschaft stieg die Zahl der Menschen, für die die Diakonie in Sachsen – von der hier die Rede ist – da sein wollte und konnte. Es sind knapp 60.000 Kinder und Jugendliche, Beratungssuchende, Suchtgefährdete oder -abhängige, Straffälliggewordene, Alte und Kranke, die stationäre und teilstationäre Einrichtungen der sächsischen Diakonie aufsuchen oder von ihnen begleitet und versorgt werden. Ausschlaggebend hierfür waren die veränderten Rahmenbedingungen – die Übernahme des westdeutschen Sozialsystems – wodurch der sächsischen Diakonie seit über vierzig Jahren für sie weitgehend verschlossene Bereiche sozialer Arbeit wie die Kinder- und Jugendhilfe plötzlich zugänglich wurden. Gleichzeitig konnte sie eine Vielzahl von Einrichtungen aus staatlicher Trägerschaft übernehmen und mit ihnen die darin tätigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die Veränderungen, die sich hierbei in der ostdeutschen Diakonie in den 1990er Jahren durch die neue Situation im wiedervereinigten Deutschland ergeben haben, sind höchstens vergleichbar mit der Gründungszeit der Inneren Mission in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dass eine solche Entwicklung mit zahlreichen Problemen verbunden ist, liegt auf der Hand. Um diese Phase der explosionsartigen Ausdehnung und der rapiden Umbrüche, aber auch sich durchhaltender Kontinuitäten zu dokumentieren und zu analysieren, hat das Diakonische Werk der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens eine Forschungsgruppe der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden eingesetzt, die nach zweijähriger Recherche unter der Überschrift „So viel Anfang war nie“ ihre Erkenntnisse vorlegt.

Eingeleitet wird der von dem Theologen und Professor für Diakoniewissenschaft Ulfrid Kleinert herausgegebene Sammelband vom ehemaligen Direktor des sächsischen Diakonischen Werkes, Landesbischof Jochen Bohl. Seinen Ausführungen zufolge geht es in der Veröffentlichung nicht nur darum, auf dem Hintergrund der Geschichte der Inneren Mission und des Evangelischen Hilfswerks in der DDR die neuen Entwicklungen der neunziger Jahre unter spezifischen Fragestellungen nachzuzeichnen und Erfolge, Probleme, Versäumnisse zu benennen, sondern auch darum, Impulse für die Zukunft zu geben.

Nach einer gründlichen Einführung des Herausgebers (S. 9-16) bietet das Buch zunächst eine Übersicht zur Gesamtentwicklung aus der Perspektive der Zentrale, also im Blick auf Aufgaben und Veränderungen des Diakonischen Amtes in Radebeul. Der hierzu von Harald Christa und Ulf Liedke vorgelegte Beitrag „Wandel und Erneuerung“ (S. 17-34) basiert auf Dokumentenanalysen und Interviews mit leitenden Mitarbeitern. Die Autoren sehen als zentrale Aufgabe der Diakonie, ihr Profil so zu entwickeln, dass Professionalität und Spiritualität, fachliche Ausrichtung und theologische Orientierung miteinander vermittelt werden. Dies sollte sich in der Kommunikation nach innen und nach außen noch deutlicher zeigen und bis in die Leitungsebene erkennbar sein. Nach diesem Gesamtüberblick folgen sechs Studien zu zentralen Arbeitsfeldern der Diakonie: die Kirchenbezirkssozialarbeit, den Bereich der Jugendhilfe, die diakonische Behindertenhilfe, die psychiatrischen Hilfen, die Altenhilfe und die Rolle und Entwicklung des Diakonischen Amtes in Radebeul. Dabei unterscheiden mehr oder weniger alle Studien vier Phasen der Entwicklung: 1. als Ausgangspunkt die Voraussetzungen, die die sächsische Diakonie aus der DDR-Zeit mitbrachte (bis 1990), 2. die Zeit des Aufbruchs, der neuen Arbeitsmöglichkeiten, des Heraustretens aus der gesellschaftlichen Nische (1990-1993/94), 3. der Umbau im Aufbau durch veränderte Rahmenbedingungen (Verwerfungen im Sozialstaat, Pflegeversicherung, Europäisierung) und Konsolidierung (ab 1994/95) sowie 4. (ab 1999/2000) zunehmende finanzielle Restriktionen, die Auswirkungen auf Fachlichkeit und Profil hatten. Durch alle Phasen ziehen sich zugleich Problemstellungen, die gekennzeichnet sind durch 1. Quantität und Qualität der Mitarbeiter (sprunghaftes Ansteigen der Anzahl, Einbeziehung konfessionsloser Mitarbeiter aus anderen Traditionszusammenhängen), 2. Chancen und Schwierigkeiten einer konsequenten Klienten- und Personenzentrierung, 3. anwaltschaftliches sozialpolitisches Engagement und Verbandspolitik sowie 4. Professionalität und Spiritualität und 5. Sozialstaat und sozialer Markt.

Den Auftakt der Einzelstudien macht Ulfrid Kleinert mit dem Beitrag „Partizipation statt Exklusion“ (S. 35-80), in dem er mit Hilfe von Dokumentenanalysen und Interviews untersucht, inwieweit die Kirchenbezirkssozialarbeit (KBS) sich in den neunziger Jahren neu konsolidiert und professionalisiert hat und nach Ausweis ihrer Berichterstattung und Konzeptionsentwicklung ihren Aufgaben gerecht wird. Dabei legt er besonderen Wert auf die Entstehung und Umsetzung der Rahmenkonzeption, prüft die Bedeutung der Jahresberichterstattung und geht den Veränderungen im Verständnis von Ehrenamt / Freiwilligenarbeit sowie den vorhandenen und ausstehenden Formen der Zusammenarbeit von KBS und Kirchengemeinden nach.

In ihrem Beitrag „Jugendhilfe im Umbruch“ (S. 81-134) beschäftigt sich Liselotte Bieback-Diel mit einem erst nach der Wende wieder generell zugänglichen Arbeitsfeld der Diakonie. Auf dem Hintergrund der Jugendhilfe in der DDR zeichnet die Autorin dabei aus der Perspektive der von ihr interviewten Verantwortlichen im Diakonischen Amt drei Phasen der letzten dreizehn Jahre nach: Aufbau (1990-1993), Ausbau und Konsolidierung (1994-1998) und zunehmende finanzielle Restriktion (ab 1999). Gleichzeitig stellt sie zwei spezifische Träger diakonischer Jugendhilfe vor, die das gegenwärtige Spektrum umfassen: die Geschichte einer Einrichtung, die schon zu DDR-Zeiten bestand (der einzigen evangelischen aus dieser Zeit), und die Geschichte einer beachtenswerten Neugründung von 1998.

Unter der Überschrift „FreiRäume. LebensRäume“ (S. 135-188) untersuchen Ulf Liedke und Peggy Lippstreu die diakonische Behindertenhilfe ab 1990. Ihre die Entwicklungen gründlich und präzise nachzeichnende und kommentierende Untersuchung beginnt mit einem Überblick zur neueren Geschichte der Behindertenhilfe insgesamt und richtet ihre Aufmerksamkeit dann auf die Entwicklung der Wohnformen für behinderte Menschen, den Einfluss der Finanzierungssysteme dabei und auf die (Nicht-) Beteiligung der Diakonie am Prozess der Deinstitutionalisierung. An zwei großen alten und drei kleineren neuen Trägern diakonischer Behindertenarbeit zeigen die Autoren abschließend, dass die zuerst Genannten stärker auf die Differenzierung und Individualisierung des stationären Wohnens setzten, bei den drei neuen Einrichtungen hingegen „eine größere Durchlässigkeit des Wohnheimes hin zu teilstationären und ambulanten Wohnformen“ erkennbar ist.

In ihrem Beitrag „Befähigung zur Teilhabe“ (S. 189-242) zeichnet Angelika Franz, gestützt auf Programme und Protokolle sowie Experteninterviews, akribisch die Entwicklung der diakonischen Psychiatrie in Sachsen nach. In Zusammenhang mit Bundesgesetzgebung und Landeskonzepten zeigt sie nicht nur, wie spannungsreich und widersprüchlich der Prozess der Fixierung von Planungs- und Bewertungskriterien und die diakonische Leitbildfunktion verlief, sondern stellt auch Profil und Volumen der verschiedenen Einrichtungen und Angebote vor und skizziert professionelles Handlungswissen immer unter der Leitfrage, inwieweit diese zur sozialen, beruflichen und innerinstitutionellen Teilhabe der Betroffenen betragen. Nach Darstellung der Autorin wurde nach der Wende durch diakonische Angebote ein gutes Stück Enthospitalisierung erreicht. In dem Beitrag „Altenpflege“ (S. 243-308), der sich ausschließlich auf den stationären Bereich beschränkt, skizzieren Ulfrid Kleinert und Renate Tewes zunächst das diakonische Profil der Einrichtungen vor und nach der Wende, so wie es sich aus der Perspektive der leitenden Mitarbeiter und der Gemeindeprotokolle darstellt. Sodann stellen sie ihren Forschungsbeitrag vor, dem die Befragung der Leitung und Mitarbeiterschaft von sechs Altenpflegeheimen der sächsischen Diakonie zugrunde liegt. Um auch zukünftig Pflege für alte Menschen bereitstellen zu können, ist es nach Ansicht der Autoren unter anderen notwendig, das Berufsbild der Pflegenden gesellschaftlich aufzuwerten. Darüber hinaus müsse die Öffentlichkeit stärker über innovative Konzepte in der Pflege und über Ergebnisse aus der Pflegeforschung informiert werden.

Bei dem letzten Beitrag „Rückblick auf ein Vierteljahrhundert im Diakonischen Amt“ (S. 309-322) handelt es sich um ein Interview, das der Herausgeber nach Abschluss der Untersuchungen mit dem kommissarischen Leiter des Diakonischen Werkes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Oberkirchenrat Werner Frank Scheibe im Juli 2004 geführt hat.

Mit der Herausgabe der vorliegenden Veröffentlichung, in der man lediglich einen Beitrag zu Krankenpflege vermisst, hat das Diakonische Werkes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens eine beachtliche Arbeit vorgelegt, die allen daran Interessierten einen fundierten Einblick in die jüngste Diakoniegeschichte Sachsens bietet. Über die Diakonie hinaus kommt dem Buch Vorbildcharakter zu, etwa für andere Wohlfahrtsverbände beziehungsweise Bundesländer.

Nachhaltigkeit in der Gesundheitsvorsorge Wie Krankenkassen Marketing und Prävention erfolgreich verbinden (Rezension)
Viviane Scherenberg: Nachhaltigkeit in der Gesundheitsvorsorge. Wie Krankenkassen Marketing und Prävention erfolgreich verbinden Gabler Verlag 2011, 373 Seiten, Softcover, ISBN: 978-3-8349-2869-6Rezension von: Julia UngererIn ihrer Dissertation greift Viviane Scherenberg die Pro