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Wenn Krebspatienten Fragen stellen<br> Was Pflegekräfte und Betroffene wissen müssen (Rezension)

Wenn Krebspatienten Fragen stellen Was Pflegekräfte und Betroffene wissen müssen (Löser, Angela)Schlütersche, Hannover, 2002, 173 Seiten, 17,00 € - ISBN 3-87706-655-0 Rezension von: Annette Ennulath In 15 Kapiteln versucht die Lehrerin für Pflegeberufe, Pflegedienstleiteri
25. Mai 2013 durch
Wenn Krebspatienten Fragen stellen<br> 
Was Pflegekräfte und Betroffene wissen müssen (Rezension)
Andreas Lauterbach

Wenn Krebspatienten Fragen stellen
Was Pflegekräfte und Betroffene wissen müssen (Löser, Angela)

Schlütersche, Hannover, 2002, 173 Seiten, 17,00 € - ISBN 3-87706-655-0

Rezension von: Annette Ennulath

In 15 Kapiteln versucht die Lehrerin für Pflegeberufe, Pflegedienstleiterin und Fachkrankenschwester für Onkologie Angela Löser die häufigsten Fragen onkologisch Erkrankter oder ihrer Angehörigen ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu beantworten. Die ersten 19 Seiten beschäftigen sich in den Kapiteln 1 bis 5 mit "Allgemeine Fragen zu Krebs", "Einige Fachbegriffe zur Krankheit Krebs", "Die Entstehung von Krebs", "Diagnose von Krebserkrankungen" sowie "Vorbeugung und Prävention"(sic!). Es folgt ein 56 Seiten umfassender Abschnitt "Behandlung von Krebserkrankungen", in dem zunächst die Therapieformen Operation, Chemo-, Strahlen- und Hormontherapie mit Unterabschnitten zu den jeweiligen Nebenwirkungen dargestellt werden. Daran schließen sich die Informationen zu "Knochenmarktransplantation", "Psychologische und psychotherapeutische Verfahren" und "Alternative Verfahren" an. Das 5 Seiten umfassende Kapitel 7 befasst sich mit dem Thema "Schmerzen und mögliche Hilfe", die Kapitel 8 bis 13 geben Antworten zu "Sexualität und ihre Veränderungen bei Tumorkrankheit und -therapie", "Ernährung", "Die Arztwahl", "Zusammenleben in der Familie", "Gesetzliche Hilfen" und "Tees und Behandlungstipps bei geringfügigen Beschwerden". Das vorletzte Kapitel nennt wichtige "Allgemeine Adressen", "Kontaktadressen in den einzelnen Bundesländern", "Informationen im Internet", "Selbsthilfegruppen, Dachverbände und finanzielle Hilfe". Das Schlusskapitel informiert über Broschüren und weiterführende Literatur. Daran schließen sich ein Glossar, ein Literaturverzeichnis und ein Register an. Die jeder Antwort voranstehende Frage könnte von Kranken, deren Angehörigen oder von Pflegenden gestellt sein. Die Antworten sind passend zu den Fragen. Die medizinischen Fragen werden verständlich beantwortet. Die praxisnahen Antworten zu pflegerischen Aspekten lassen eigene oder die Berufserfahrung anderer erkennen. Das Buch bietet den interessierten Lesenden ein breites Spektrum an Fragen und Antworten und ist in dieser Zusammenstellung durchaus nützlich.

Schwierig blieb für mich während der Lektüre die Frage, an wen das Buch sich denn nun richtet. Die Einleitung spricht davon, "die Betroffenen während ihrer Erkrankung und Behandlung zu unterstützen. Das Buch kann auch im Rahmen der Pflegeberatung eingesetzt werden, um einen schnellen Zugriff auf die Fragen der Kranken zu finden." Dies klingt, als sei die Zielgruppe das Pflegepersonal. Dass die Autorin sich ebenfalls unklar ist, wen genau sie mit dem Buch ansprechen möchte, zeigen deutlich einzelne Antworten im Kapitel "Arztwahl", in denen plötzlich die direkte Anrede "Sie" verwendet wird. Diese Zwiespältigkeit, für wen die Antworten dieses Buches zusammengestellt sind, lässt sich auch in der Sprache erkennen. Mal wird nur die medizinisch-pflegerische Fachsprache (z.B. peripher) benützt, mal wird die Fachsprache erläutert (z.B. anuswärts = in Richtung Darmausgang), mal taucht die Fachsprache gar nicht auf und es wird nur die für Laien verständliche Formulierung genützt. Auch der schnelle Zugriff ist m.E. nicht ohne weiteres möglich. Bei den Antworten gibt es nur gelegentlich Querverweise, an welcher Stelle der gleiche Sachverhalt z.T. ausführlich erläutert wird; wenn man sich also dunkel erinnert, zum Thema an anderer Stelle schon mal etwas gelesen zu haben, heißt es: suchen. Für Pflegekräfte mag das ja ganz gut sein, weil auf diese Weise das Buch mehrfach durchgearbeitet wird. Benützen Betroffene oder deren Angehörige das Buch als Ratgeber, so finde ich es problematisch, dass das sehr knappe Register, das nur für Pflegekräfte zusammengestellt ist, und die meistens fehlenden Querverweise das Auffinden von zusammengehörigen Antworten erschweren. Das Herumsuchen, an welcher Stelle z.B. das Thema "saures Milieu im Urin" noch einmal angesprochen wird führt dazu, dass Betroffene und Angehörige sich durch verschiedene Kapitel durchlesen müssen, statt dass sie gezielt geführt werden. Das Durchlesen konfrontiert mit Aspekten der Krebserkrankungen, die durchaus ängstigend sein können. (Ich erinnere an das Lesen im Pschyrembel bzw. den Krankheitslehreunterricht und das Entdecken von Symptomen relativ vieler Erkrankungen an sich selbst). Im besten Fall wird das Buch nicht mehr angerührt, was angesichts der praktischen Tipps jammerschade wäre, im ungünstigsten Fall werden unnötige Ängste ausgelöst.

Leider fehlt im Buch auch der Hinweis darauf, dass Menschen im Hinblick auf ihr Informationsbedürfnis bezüglich ihrer Erkrankung unterschiedlich reagieren, woraus folgt, dass die Basis jeder beratenden Tätigkeit durch Pflegekräfte darin bestehen muss, festzustellen, welchem Typ die Betroffenen angehören: dem Typ, der sich besser fühlt, je mehr Informationen er oder sie hat (monitoring Typ) oder dem Typ, dem es besser geht, je weniger Informationen er oder sie bekommt (blunting Typ). Dies wird im Buch nicht dargelegt, und entsprechend fehlt im Literaturverzeichnis Uexkülls Lehrbuch der Psychosomatischen Medizin.

Was das Praktische betrifft, finde ich es irritierend, dass im Kapitel "Schmerz" die für die Kranken so wichtige Schmerzpumpe fehlt. Dabei ermöglicht diese, dass bei den Kranken, die trotz Erkrankung und Schmerzen nicht im Krankenhaus sein wollen, eine angemessene Schmerztherapie möglich ist. Konsequenterweise fehlen die Fragen : Kann ich mit meiner schweren Erkrankung, auch wenn es mir schlecht geht und der Tod nahe ist, zu Hause sein? Welche Bedingungen ermöglichen es mir und meinen Angehörigen, dies zu organisieren und zu bewältigen? Welche Alternative gibt es zum Sterben im Krankenhaus, wenn es zu Hause nicht möglich ist. Hinweise auf Brückenpflege, Pflegeüberleitung oder wie auch immer die spezialisierten extramuralen Angebote von Kliniken heißen, sie kommen nicht vor. Das Hospiz wird einmal erwähnt im Abschnitt "Gesetzliche Hilfen"; es steht weder im Register noch im Glossar. Dies wird den seit den 70er Jahren sich entwickelnden Angeboten für Sterbende nicht gerecht.

Ob die Autorin und der Verlag unter Zeitdruck waren, weiß ich nicht. Ärgerlich ist, dass auffallend viele Schreibfehler enthalten sind, auch solche, die ein Rechtschreibprogramm durchaus erkennen könnte. Beim Korrekturlesen wurde z.B. das "Mamacarcinom" nicht bemerkt, ebenso wenig das frühe Erscheinungsjahr von 1892 für C. O. Simontons Veröffentlichung oder dass in den Tabellen über Tumormarker unter der Überschrift "gutartige Tumore" Erkrankungen wie Hepatitis, Cholezystitis und andere Nicht-Tumore aufgeführt sind. Für mich ist das kein gutes Zeichen, weil sich damit automatisch die Frage stellt, wie sorgfältig denn die Informationen in den Kapiteln auf Richtigkeit geprüft wurden.

Das Prinzip des Buches ist m.E. eine gute Idee. Die Antworten sind weitgehend korrekt und verständlich, mit einer eindeutigen schulmedizinischen Orientierung. Die Suche nach "alternativen Therapien" ist allerdings nicht nur Ausdruck für das Selbst-tätig-Werden von Krebskranken angesichts der Nichtheilbarkeit ihrer Erkrankung, sondern vor allem auch Ausdruck für das Versagen der Schulmedizin als "sprechender Medizin". Sollte beabsichtigt sein, dass durch Nutzung dieses Buches eine "sprechende Krankenpflege" den Kranken zur Seite steht, so ist es m.E. nötig 1. die Pflegekräfte eindeutig als Zielgruppe dieses Buches zu wählen und 2. diesen Beratenden mehr und gezielt Hintergründe für ihre Beratungstätigkeit anzubieten, damit sie 3. die Einsicht gewinnen können, warum die Flucht in Schweigen oder Pseudoaktivität durch Gespräche zu ersetzen ist. Eine Möglichkeit wäre, einzelne Antworten mit Verweisen auf vertiefende Literatur zu versehen: z.B. auf Susan Sontags wichtigen Beitrag "Krankheit als Metapher" (erschienen 1996), das einen fundierten Hintergrund zur Negativbesetzung der Krebs-/Krankheit bietet oder auf das kämpferisch-informierende Buch von Ursula Goldmann-Posch "Der Knoten über meinem Herzen" (erschienen 2000) und ihr Internetangebot "mamazone" oder Stefan Zettl: Krankheit, Sexualität und Pflege, (erschienen 2000), damit die Informationsbasis der Beratenden auch Tiefe hat bzw., wenn man als Beratende/r an die persönliche Grenze kommt, man auch Hinweise auf weitere Informationsmöglichkeiten für sich selbst finden kann.

Soll das Buch auch von Betroffenen und deren Angehörigen genützt werden, so muss das Register so gestaltet sein, dass in der Sprache der medizinischen Laien die zu suchenden Stichworte angeführt sind und im Text direkt zu verwandten Antworten geleitet wird. Eine Empfehlung, dass man als Betroffene/r sich an eine Person des Vertrauens wenden soll, wenn man durch die Lektüre zusätzliche Ängste entwickelt, halte ich für unerlässlich, denn auch Informationen haben unerwünschte Wirkungen.

Eine persönliche Anmerkung: Auch diese Autorin verwendet nur eine Form für beide Geschlechter. Wenn im Kapitel "Sexualität" dann davon gesprochen wird "beide Partner sind von der Problematik betroffen", so trifft diese Formulierung auf homosexuelle Beziehungen zu. Die gängige Argumentation, die eine Form sei aus Gründen der besseren Lesbarkeit nötig, stimmt m.E. nicht: Was stimmt, ist, dass es ungewohnt ist, sich einer Sprache zu bedienen, die sowohl Männer als auch Frauen sichtbar macht. Erst recht, wenn es um Krankheit, körperliche Versehrtheit, seelische Bedrückung geht, halte ich es für wichtig, dass wie im vorliegenden Fall Frauen sich nicht nur sprachlich vertreten finden, wenn es um die Geschlechtsmerkmale betreffende Aspekte geht.

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