Wie misst man die Pflegebedürftigkeit? |
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Das Gesundheitswesen hat in den vergangenen Jahren eine zunehmende Ãkonomisierung erfahren, wobei nur eines sicher ist, dass nämlich die Entwicklung noch kein Ende gefunden hat. Dem Prozess ist auch die Pflege unterworfen. Spätestens seit Einführung der Pflegeversicherung im Jahre 1995 ist auch die Pflege als eigenständige ökonomische GröÃe: Die Pflegebedürftigkeit von Menschen ist Grundlage dafür, dass bestimmte Leistungen zur Verfügung gestellt bzw. bezahlt werden. Aus der Tatsache, dass Pflegebedürftigkeit zu einem Kriterium zur Gewährung von Leistungen innerhalb des Gesundheitsversorgungssystems geworden ist, folgt nun jedoch nicht, dass den Angehörigen oder Gremien der Berufsgruppe, die sich traditionell um Pflegebedürftige kümmert, die Kompetenz zugesprochen worden wäre, entsprechende Kriterien zu entwickeln. Kriterienkataloge wurden unter fiskalischen Erwägungen in den damit beauftragten Medizinischen Diensten der Krankenkassen erstellt, wobei hier sehr wohl Pflegeexperten beteiligt waren.
Selbst wenn in Deutschland der Berufsgruppe Pflege der Auftrag erteilt worden wäre. Kriterien für die Messung des Grades an Pflegebedürftigkeit zu erstellen, hätte sie zunächst passen müssen. Es gibt zwar inzwischen eine ganz Reihe von Messinstrumenten zu Teilaspekten der Pflegedürftigkeit, die zum Teil auch zu ganz anderen Zwecken entwickelt wurden, jedoch noch kein wissenschaftlich überprüftes Instrument zur Messung von Pflegebedürftigkeit allgemein. Wenn Sabine Bartholomeyczik in ihrer Einführung feststellt, dass solche standardisierten Assessmentinstrumente, die inhaltlich pflegewissenschaftlich fundiert sind, dringend benötigt werden, weil sie sonst von anderen - EDV-Branche, Juristen oder Ãkonomen vorgegeben werden, ist ihr uneingeschränkt beizupflichten.
Nach einer Einleitung werden zunächst die häufig synonym verwendeten Abkürzungen ADL und ATL differenziert. Im weiteren werden acht Messinstrumente/Assessmentverfahren, von denen drei aus dem deutschen Sprachraum stammen und fünf Ãbersetzungen sind, einer kritischen Würdigung unterzogen. Die Autorin zeigt, dass die Instrumente für unterschiedliche Ebenen entwickelt wurden und, wenn überhaupt, nur für bestimmte Zwecke tauglich sind. Die Entwicklung eines Instrumentes, das die pflegerelevanten Aspekte vollständig und trennscharf erfasst, sei eine groÃe Herausforderung. Grundlage für jedes Erhebungsinstrument müsse aber Einigkeit darüber sein, worin die Realität, die abgebildet werden soll, besteht, d. h., es müsse klar sein, welches die pflegerelevanten Kennzeichen sind, letztlich müsse Konsens über die Dimensionen der Pflegebedürftigkeit bestehen. Die Standardisierung der Informationssammlung ist somit Voraussetzung jedes Verfahrens der Pflegebedarfeinschätzung. Die Diskussion über die Definition der Pflegebedürftigkeit sei nicht allein Sache der Pflegewissenschaft, sondern müsse auch in der Gesellschaft und Politik geführt werden.
Das Büchlein verdient, zur Kenntnis genommen zu werden.