Ausbildung für die Gesundheitsversorgung von morgen (Robert Bosch Stiftung (Hrsg.))Verlag Schattauer. Stuttgart, 2011, 124 S., 29,95 €, ISBN 978-3-7945-2868-4Rezension von: Dr. Hubert Kolling |
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Die Robert Bosch Stiftung (vgl. www.bosch-stiftung.de) gehört zu den großen unternehmensverbundenen Stiftungen in Deutschland. Seit mehr als vierzig Jahren folgt sie dem philanthropischen Vermächtnis des Firmengründers Robert Bosch (1861-1942), der mit unternehmerischer Vision, politischer Weitsicht, Zivilcourage und seinen gemeinnützigen Initiativen Maßstäbe für die Arbeit der Robert Bosch Stiftung gesetzt hat.
Ein Sonderbereich der Robert Bosch Stiftung beschäftigt sich mit "Zukunftsfragen der Gesundheitsversorgung". Die Aktivitäten der Stiftung beziehen sich dabei auf die folgenden drei Bereiche: "Regionale Gesundheitsversorgung", "Service und Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitswesen" und "Gesundheitsberufe". 20 Jahre nach Erscheinen der Schrift "Arztbild der Zukunft", die der "Murrhardter Kreis" Ende der achtziger Jahre veröffentlicht hat, und nach der 1992 erschienenen Denkschrift "Pflege braucht Eliten" und "Pflege neu denken" (2000) griff das im Juni 2010 von der Robert Bosch Stiftung veranstaltete Symposium "Ausbildung für die Gesundheitsversorgung von morgen" die Ausbildung der Mediziner und anderer Gesundheitsberufe unter den heutigen Bedingungen erneut auf und stellte die Interprofessionalität der Gesundheitsberufe als zentrales Merkmal für die Gesundheitsversorgung von morgen in den Mittelpunkt.
Die von 29 Autoren/-innen verfassten Tagungsbeiträge, die in dem vorliegenden Band dokumentiert sind, untergliedern sich in die folgenden fünf Kapitel:
Aufbauend auf einen resümierenden Rückblick auf das, was vor mehr als 20 Jahren gewollt war und was inzwischen erreicht oder auch nicht erreicht wurde (Kapitel 1), entwarf das Symposium zunächst ein Bild der zukünftigen Gesundheitsversorgung und stellte die Faktoren der Bedarfsänderung und die Folgen für das Angebot an Versorgungsleistungen dar - und zwar aus medizinischer, ökonomischer und ethischer Sicht (Kapitel 2). Sodann wurde das Bild einer "integrierten" Gesundheitsversorgung entwickelt (Kapitel 3), um anschließend daraus die notwendige Zusammenarbeit und das interdisziplinäre Handeln der Gesundheitsberufe sowie die Anforderungen an die zukünftige Ausbildung aller unmittelbar mit der Patientenbetreuung befassten Berufe im Gesundheitswesen abzuleiten (Kapitel 4). Hierbei wurde insbesondere die notwendigen Veränderungen der Ausbildungsgänge aller Gesundheitsberufe herausgearbeitet - weg von der nur monoprofessionellen und hin zu einer interprofessionellen Ausbildung, die die Eigenständigkeit und Eigenverantwortung der einzelnen Berufe ebenso berücksichtigt wie ineinandergreifende Zuständigkeiten. Mit der Verwirklichung einer solchen Anpassung der Ausbildung aller Gesundheitsberufe an die künftigen Anforderungen der Versorgung vor dem Hintergrund der rechtlichen, organisatorischen, materiellen und ideellen Rahmenbedingungen beschäftigte sich schließlich das 5. Kapitel.
"Für die Notwendigkeit, die Ausbildung verschiedener Gesundheitsberufe an diese Anforderungen anzupassen, und die Bereitstellung der hierfür erforderlichen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen sollte das Symposium und soll dessen Dokumentation", so die Robert Bosch Stiftung in ihrem Vorwort, " Bewusstsein, Verständnis und aktive Unterstützung in der Öffentlichkeit hervorrufen" (S. V). Zu diesem Zweck stelle die Robert Bosch Stiftung dieses Buch allen zur Verfügung, die im Gesundheitswesen Verantwortung für eine auch in Zukunft gute Gesundheitsversorgung der Menschen tragen. (Randbemerkung: Warum dann das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar gleich mehrfach mit Stempelaufdrucken "Kostenloses Rezensionsexemplar" verunstaltet wurde, entzieht sich der Kenntnis des Autors).
Ausgehend von der "Gesellschaft des längeren Lebens", die den Bedarf an Versorgungs- und Gesundheitsleistungen zunehmend bestimmt, machen die Autoren/-innen des vorliegenden Buches darauf aufmerksam, dass die Sicherstellung, Qualität und Effizienz der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung nur dann erreicht werden kann, wenn die Kooperation zwischen den Gesundheitsberufen eine stärkere Bedeutung erfährt. Effizienz und hochwertige Qualität in der Gesundheitsversorgung machten die Überwindung von Schnittstellen in der Versorgung und Grenzen von Zuständigkeiten notwendig und forderten eine neue Kultur der Zusammenarbeit. Bei zunehmendem Fachkräftemangel steige der Bedarf an Service und Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitswesen und erfordere neue Ausbildungsangebote. Hierbei seien die Zuständigkeiten im fachlichen und rechtlichen sinne neu zu ordnen und die Ausbildung der Gesundheitsberufe auf der akademischen und der berufsfachlichen Ebene anders auszurichten.
In Hinblick auf das Verhältnis zwischen Ärzten und Pflegepersonal dürfte für die Leserschaft der "Pflegewissenschaft" der Beitrag "Szenarien einer zukünftigen Gesundheitsversorgung aus gesundheitsökonomischer Sicht" (S. 28-30) von Prof. Dr. rer. pol. Günter Neubauer, Direktor des IfG - Institut für Gesundheitsökonomik in München, von besonderem Interesse sein, in dem er für eine Neustrukturierung der Gesundheitsberufe plädiert. Hierbei gelte es zu prüfen, ob die Tätigkeitsfelder der einzelnen Berufe nicht durch Umstrukturierung einerseits abgeschmolzen, andererseits aber auch wieder angereichert werden können. So sei die Diskussion um die Arbeitsteilung zwischen Ärzten und Pflegeberufen noch lange nicht zu Ende geführt. Aber auch die Arbeitsteilung zwischen Fachkräften und Hilfskräften in der Pflege bedürfe der weiteren und ständigen Prüfung. Wörtlich fährt er weiter fort: "Viele Tätigkeiten, die in Deutschland Ärzte ausführen, dürfen und können in anderen Ländern Pflegekräfte übernehmen. Auch in Deutschland werden wir uns mit dieser neuen Arbeitsteilung intensiver auseinandersetzen müssen. Es geht letztlich darum, dass einfache Tätigkeiten auch an kostengünstigere Berufe weitergegeben werden" (S. 29).
Bezugnehmend auf diese Ausführungen weist Hedwig François-Kettner, Pflegedirektorin Charité - Universitätsmedizin, darauf hin, dass die Bemühungen um eine Integration der akademischen Pflege mit anderen akademischen Gesundheitsberufen nun schon fast 20 Jahre dauerten. Stattdessen gäbe es jetzt neue Bemühungen, die Pflege wieder zum Hilfsberuf für ärztliches Tätigwerden zu machen. Mit dieser Art der Integration ließen sich die Zukunftsaufgaben nicht bewältigen. "Sinnvoll und möglich wäre sicher eine gemeinsame Basisausbildung für alle Gesundheitsberufe. Dabei könnte eine akademische Pflegeausbildung auch helfen, fachübergreifende Sichtweisen zu vermitteln" (S. 37).
Insgesamt betrachtet hat die Robert Bosch Stiftung mit dem Symposium beziehungsweise der Herausgabe des Buches "Ausbildung für die Gesundheitsversorgung von morgen" einen richtungsweisenden Beitrag zur Zukunft der Gesundheitsberufe geleistet. Das interdisziplinär ausgerichtete Werk, dessen Beiträge als PDF auch online veröffentlicht (vgl. www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/35204.asp) wurden, sollte zur Pflichtlektüre für alle in Verwaltung und Politik gehören, die an der Ausbildung von Gesundheitsberufen mitwirken oder für deren Organisation und Finanzierung verantwortlich sind und über Reformen zu entscheiden haben.