
Baker, Caroline
Exzellente Pflege von Menschen mit Demenz entwickeln
Hogrefe, vorm. Verlag Hans Huber; 2016, 208 S., 28,95 â¬, ISBN-13: 978-3456855479
Exzellente Pflege von Menschen mit Demenz entwickeln
Hogrefe, vorm. Verlag Hans Huber; 2016, 208 S., 28,95 â¬, ISBN-13: 978-3456855479
Das vorliegende Buch ist die Arbeit einer so genannten âklinischen Pflegeexpertin (CNS) in der Pflege von Menschen mit Demenzâ, die als Direktorin für Demenzversorgung bei einem Träger von 450 Pflegeeinrichtungen in England tätig ist.
Die Publikation ist in 12 Kapiteln unterteilt.
In der Einleitung verweist die Autorin auf das PEARL-Programm (Positively Enriching And enhancing Residents Lives), das im Jahr 2008 entwickelt wurde. Es wird bereits in fast 70 Pflegeheimen u. a. in Gestalt von spezialisierten Demenzabteilungen angewendet. Die Erfolge dieses Programms zeigten sich laut der Autorin u. a. in der Reduzierung der Neuroleptika um durchschnittlich 50 Prozent, der Steigerung des Körpergewichtes und des Wohlbefindens der Demenzkranken.
In der Einleitung verweist die Autorin auf das PEARL-Programm (Positively Enriching And enhancing Residents Lives), das im Jahr 2008 entwickelt wurde. Es wird bereits in fast 70 Pflegeheimen u. a. in Gestalt von spezialisierten Demenzabteilungen angewendet. Die Erfolge dieses Programms zeigten sich laut der Autorin u. a. in der Reduzierung der Neuroleptika um durchschnittlich 50 Prozent, der Steigerung des Körpergewichtes und des Wohlbefindens der Demenzkranken.
Im ersten Kapitel wird ein kurzer Abriss der Entwicklung des Ansatzes der so genannten âPerson-zentrierten Pflegeâ von Tom Kitwood an der Bradford Universität in England gegeben, wobei die Autorin u. a. auch auf die Bedeutung des Instrumentariums Dementia Care Mapping (DCM) für ihre Arbeit verweist. AnschlieÃend wird das weiterführende Konzept VIPS-Modell, ein auf Kitwood aufbauendes Programm zur Pflege und Betreuung Demenzkranker von Dawn Brooker, beschrieben.
Im zweiten Kapitel befasst sich die Autorin u. a. mit dem Sachverhalt, wie bei Demenzkranken mit krankheitsbedingter fehlender Einsichtsfähigkeit bei Pflegehandlungen wie dem Toilettengang und der Medikamenteneinnahme einvernehmlich umzugehen ist.
Das dritte Kapitel âLebensgeschichte und Lebensstilâ thematisiert die Bedeutung der Lebensgeschichte für das gegenwärtige Erleben und Verhalten. So wird z. B. der Fall eines ehemaligen Briefträgers angeführt, der früh morgens an die Türen der Mitbewohner klopft. Auch der Fall einer ehemaligen Schulleiterin wird erwähnt, die ständig die Mitbewohner als âSchülerâ fehldeutet und harsch reglementiert (âHinsetzenâ und âruhig seinâ). Ihr wurden alte Terminkalender und Register zur Ablenkung angeboten. Andere Bewohner werden ihrer Lebensgeschichte entsprechend kleinere Hilfstätigkeiten angeboten (Wäsche falten u. a.). AnschlieÃend werden Vorgehensweisen zur Erfassung biografischer Inhalte wie Tonbandaufzeichnungen, DVDs, Schatullen mit Erinnerungsstücken, digitale Bilder und Fotoalben, Tafeln mit dem Stammbaum und die Kurzfassung der Lebensgeschichte aufgelistet.
Kapitel vier setzt sich mit der âPerson-zentrierten Pflegeplanungâ anhand eines konkreten Beispiels auseinander. Im Gegensatz zu der so genannten âtraditionellen Pflegeplanungâ mit bloÃen allgemeinen Verweisen wird bei der so genannten âPerson-zentrierten Pflegeplanungâ besonders auf die Gewohnheiten und lebensgeschichtlich bedeutsamen Gegebenheiten des Demenzkranken Rücksicht genommen.
In Kapitel fünf geht es um die Vermeidung von Fehlern im Zusammenhang mit âpflegerischen Grundbedürfnissenâ, wobei zu Beginn eine Abbildung der âHierarchie der Bedürfnisseâ, die so genannten âBedürfnispyramideâ von Maslow, angeführt wird, ohne jedoch diesen Sachverhalt weiter bezogen auf die Thematik auszuführen. Zu den folgenden Pflegehandlungen werden kurze Empfehlungen gegeben: Körperpflege, Essen, Hautpflege, Toilettengang, Waschen und Ankleiden, Mund- und FuÃpflege, Auswahl der Kleidung und für einen guten Schlaf sorgen (Empfehlung hierbei: eigene persönliche und vertraute Bettwäsche der Bewohner).
Kapitel sechs beinhaltet die Mahlzeiteneinnahme als ein Erlebnis. Vorab wird wie auch wiederholt in den anderen Kapiteln auf die Unzulänglichkeiten des âbiomedizinischen Ansatzâ oder die âneuropathische Ideologieâ (Kitwood) hingewiesen, um in Anschluss die positiven Seiten des eigenen Ansatzes hervorzuheben. Folgende allgemeine Empfehlungen werden u. a. hinsichtlich der Mahlzeiteneinnahme gegeben: niedriger Geräuschpegel, leise Hintergrundmusik, keine Besuche von Angehörigen und Visiten der Ãrzte, deutlich unterscheidbare Farbgestaltung bei den Tischdecken und dem Geschirr. Es wird auch darauf verwiesen, dass in mehreren Heimen die Hauptmahlzeit am frühen Abend angeboten wird, da zeitversetzt ein âgekochtes Frühstückâ offeriert wird. Auch das gemeinsame Essen von Mitarbeitern und Bewohnern wird als verstärkendes gemeinschaftliches Handeln empfohlen.
Um die âReduzierung von Stressreaktionenâ geht es in Kapitel sieben. Wieder werden konträre Szenarien hier sehr ausführlich bezüglich der Heimaufnahme beschrieben. Es folgt die Erörterung, dass die Begrifflichkeit âherausforderndes Verhaltenâ nicht angemessen sei. Als Alternative wird der Begriff âstressbedingte Reaktionenâ empfohlen.
Kapitel acht thematisiert die âÃberprüfung der Neuroleptika-Verschreibungâ. Das Ansinnen der Autorin besteht in der deutlichen Reduzierung der Psychopharmaka. Es wird eine Studie angeführt, die belegt, dass die Nebenwirkungen von Neuroleptika bei Demenzkranken fatal sind: Verhaltensstörungen, erhöhte Zahl an Todesfällen, Schlaganfälle, Stürze und Gangstörungen. Es wird erneut darauf verwiesen, dass durch das PEARL-Programm eine Senkung der Medikamentenvergabe um 50 Prozent erzielt werden konnte.
Kapitel neun hat den Themenschwerpunkt âEntwicklung und Gestaltung der Umgebung â Wie eine unterstützende Umgebung geschaffen wirdâ. Hierbei geht es zu Beginn um die demenzspezifische räumliche Gestaltung des Umfeldes, des Wohnbereiches mit all seinen Funktionsräumen: u. a. Symbolgestaltung zwecks Verbesserung der Orientierung, Schlafzimmer, Toiletten, Badezimmer, Flure, Gemeinschaftsraum und Speisesaal. Auch der Aspekt der Tarnung von Ausgängen wird u. a. mit Bildmaterial dokumentiert. Des Weiteren werden Utensilien für die Beschäftigung wie Puppen, Haustiere und Ramschkisten zum Kramen und Sortieren angeführt.
Kapitel zehn beschäftigt sich mit der âUnterstützung von Mitarbeitendenâ. Es soll das âSelbstvertrauenâ und die Fähigkeit der Mitarbeiter zur Betreuung Demenzkranker durch unterschiedliche MaÃnahmen, Instrumente und Trainingsprogramme gestärkt werden. Angeführt werden in diesem Kontext u. a. das âE-Learningâ, Trainingskurse âPerson-zentrierte Pflegeâ, âPerson-zentrierte Pflegeplanungâ, âEinfühlen in die Bewohnerperspektiveâ und âDementia Care Mappingâ. Darüber hinaus erhalten die Einrichtungen von den âProjektmanagernâ alle sechs Wochen neue Pläne und Zielvorgaben zu konkreten Umsetzung in ihren Arbeitsbereichen.
Kapitel elf widmet sich der proaktiven Analyse und der regelmäÃigen Kontrolle. Hierbei geht es vor allem um die Ãberprüfung der Stürze, der Schmerzen und der demenzspezifischen Stressreaktionen. Auch die Kontrolle des Gewichts ist ein bedeutsamer Faktor in diesem Kontext.
âWürdigung der Erfolgeâ lautet das letzte Kapitel zwölf. Die Autorin führt hierbei vorrangig die Reduzierung der Neuroleptika und die Gewichtszunahme an. Betont wird auch der Sachverhalt, wie sich die Einrichtungen in relativ kurzer Zeit in verschiedenen Bereichen der Pflege und Betreuung Stück für Stück im Rahmen des PEARL-Programms verbessert hätten.
Kritisch sind die folgenden Punkte des Buches zu bewerten
⢠Es fehlt eine ausführliche Darstellung des so genannten âPEARL-Programmsâ, denn die angeführten Darstellungen aus dem Alltag eines Pflegeheimes reichen nicht aus, sich ein vollständiges Bild über diesen Ansatz machen zu können.
⢠Die vielen Tipps und Empfehlungen zur Organisation der Pflege, Betreuung und Milieugestaltung sind in Deutschland überwiegend bekannt und bereits Alltag im Bereich der Demenzpflege. Auch hier ist somit nicht genau zu erkennen, ob sich in diesen Elementen das PEARL-Programm manifestiert.
⢠Die ständige Gegenüberstellung des Kitwood-Ansatzes mit dem aus der Sicht der Autorin unzureichenden âbiomedizinischen Modellsâ im Stile einer simplifizierten SchwarzweiÃmalerei führt auch nicht zu neuen Erkenntnissen hinsichtlich des propagierten Modells.
⢠Auch die wiederholt angeführten Wirksamkeitskriterien des Konzeptes in Gestalt der Medikamentengabe (Neuroleptika) und der Gewichtszunahme sind äuÃerst vage, fehlen doch konkrete Daten und Referenzerhebungen.
⢠Sehr befremdlich wirkt der Tatbestand, dass die Mitarbeiter der Einrichtungen ständig Optimierungsprogramme von externen âProjektmanagernâ abarbeiten müssen. Das erinnert an das Sisyphos-Syndrom der griechischen Mythologie. Wie hierbei Stressarmut für die Mitarbeiter als eine Grundvoraussetzung für die Demenzpflege entstehen soll, wird nicht erklärt.
⢠Die vielen Tipps und Empfehlungen zur Organisation der Pflege, Betreuung und Milieugestaltung sind in Deutschland überwiegend bekannt und bereits Alltag im Bereich der Demenzpflege. Auch hier ist somit nicht genau zu erkennen, ob sich in diesen Elementen das PEARL-Programm manifestiert.
⢠Die ständige Gegenüberstellung des Kitwood-Ansatzes mit dem aus der Sicht der Autorin unzureichenden âbiomedizinischen Modellsâ im Stile einer simplifizierten SchwarzweiÃmalerei führt auch nicht zu neuen Erkenntnissen hinsichtlich des propagierten Modells.
⢠Auch die wiederholt angeführten Wirksamkeitskriterien des Konzeptes in Gestalt der Medikamentengabe (Neuroleptika) und der Gewichtszunahme sind äuÃerst vage, fehlen doch konkrete Daten und Referenzerhebungen.
⢠Sehr befremdlich wirkt der Tatbestand, dass die Mitarbeiter der Einrichtungen ständig Optimierungsprogramme von externen âProjektmanagernâ abarbeiten müssen. Das erinnert an das Sisyphos-Syndrom der griechischen Mythologie. Wie hierbei Stressarmut für die Mitarbeiter als eine Grundvoraussetzung für die Demenzpflege entstehen soll, wird nicht erklärt.
Es bleibt das betrübliche Fazit zu ziehen, dass dieser Publikation keine neuen Impulse für die Demenzpflege in Deutschland zu entnehmen sind.
Eine Rezension von Sven Lind