Skip to Content

Das Geschäft mit dem Tod<br> Plädoyer für ein Sterben in Würde (Rezension)

Das Geschäft mit dem Tod Plädoyer für ein Sterben in Würde (Fuchs, Richard)Patmos-Verlag, Düsseldorf, 2001, 256 S., 22,00 € - ISBN 3-491-72442-2Rezension von: Paul-Werner Schreiner Seit geraumer Zeit erfreut sich der Themenbereich "Sterben und Tod" in der Publikationslands
May 25, 2013 by
Das Geschäft mit dem Tod<br>
Plädoyer für ein Sterben in Würde (Rezension)
Andreas Lauterbach

Das Geschäft mit dem Tod
Plädoyer für ein Sterben in Würde (Fuchs, Richard)

Patmos-Verlag, Düsseldorf, 2001, 256 S., 22,00 € - ISBN 3-491-72442-2

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Seit geraumer Zeit erfreut sich der Themenbereich "Sterben und Tod" in der Publikationslandschaft recht großer Beliebtheit; allein die Bücher füllen Regalmeter. Als Beobachter dieses Geschehen stellt man sich mitunter die Frage, was denn noch wirklich neues zu dem Thema gesagt werden kann. Nicht selten veranlaßt der Name des Verfassers eines neuen Buches, dieses in die Hand zu nehmen; dies ist bei dem vorliegenden Buch allemal ein guter Grund. Selbstverständlich macht auch der Untertitel neugierig.

In der publizistischen Auseinandersetzung mit Sterben und Tod spiegelt sich eine tiefsitzende Widersprüchlichkeit des in unserer Gesellschaft zu beobachtenden Verhältnisses zum Lebensende wider.

  • Da ist auf der einen Seite die allgemein verbreitete Vorstellung, dass alles machbar sei, die auf die Erwartung an die Medizin ausgedehnt wird und - da Ärzte Mitglieder dieser Gesellschaft mit ihrer Erwartungshaltung sind - auch das Selbstverständnis der Ärzte weithin bestimmt; die Fortschritte der Medizin stehen mit dieser Erwartungshaltung in einer verhängnisvollen Wechselwirkung, und nicht unerwähnt bleiben darf natürlich, dass diese Erwartungshaltung eine ganz wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass in dem Wirtschaftszweig "Gesundheitswesen" viel Geld verdient werden kann, so dass es auch ein nicht unerhebliches Interesse daran gibt, dass dies so bleibt. Die Vorstellung und Erwartung, dass auch Gesundheit machbar sei, wird in einigen Gegebenheiten in besonderer Weise sichtbar: in dem Transplantationswesen, in der Herzchirurgie, in der Neonatologie, aber auch in dem Umstand, dass sterbende Menschen sowohl von zu Hause als auch aus Heimeinrichtungen kurz vor dem Eintritt des Todes in Krankenhäuser gebracht werden - selbstverständlich mit der Erwartung, dass dort das sich Abzeichnende verhindert wird.
  • Auf der anderen Seite ist eine ebenso weit verbreitete Furcht davor zu beobachten, in den Klauen einer technischen Medizin endlos am Leben gehalten zu werden.
  • Ein gesellschaftlicher Diskurs darüber, nach welchen Kriterien gehandelt werden soll, wird aber mit dem Argument, dem Menschen stünde hier keine Entscheidung zu, verweigert.
Angesichts dieser Situation habe ich das Buch von Richard Fuchs mit Spannung in die Hand genommen - wie würde sein Plädoyer für ein Sterben in Würde ausfallen. Es ist im Vorfeld anzumerken, dass das Manuskript unter der Wirkung der Diskussion der Sterbehilfegesetzgebung in den Niederlanden erstellt wurde.
  • In einem ersten Abschnitt "Der paradoxe Umgang mit dem Tod" beschäftigt sich der Autor mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens, wozu ganz wesentlich gehört, dass mehr und mehr den für Gesundheitsleitungen entstehenden Kosten Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei deutlich wird, dass die Effektivität der Gesundheitsversorgung nicht zwingend mit den dafür aufgewendeten Ressourcen korreliert. Und es ist nicht zu übersehen, dass die Diskussion über die Sterbehilfe nicht nur etwas mit dem anzuerkennenden Selbstbestimmungsrecht des Menschen zu tun hat, sondern ganz entscheidend auch von den sozialpolitischen Kosten beeinflußt wird.
  • Im zweiten Abschnitt "Embryozid, Fetozid, Infantizid, Gerontozid, Suizid" zeigt der Autor eine Fülle von Beispielen, in denen der Mensch technisch - prüfend, kontrollierend, aussondernd - mit Leben umgeht. Und er problematisiert in diesem Zusammenhang das Menschenbild der Bioethik.
  • Thema des dritten Abschnitts "Der Schein des Rechts: (Lebens-)Gefahr durch Rechtsprechung" ist, wie das Rechtssystem auf die Veränderungen im Umgang des Menschen mit Leben reagiert. Es werden nicht nur die einschlägigen Sterbehilfe-Urteile referiert, sondern auch an das problematische Urteil erinnert, wonach die Geburt eines behinderten Kindes ein Schadenfall darstellt.
  • Im vierten Abschnitt setzt sich Fuchs kritisch mit er Frage auseinander, ob in Deutschland zu oft reanimiert werde. Er referiert Zahlen, die zeigen, dass die Notfall- und Intensivmedizin längst nicht so erfolgreich ist, wie vielfach getan wird. Es resultierten daraus eine Vielzahl von Situationen, in denen Menschen in einem Zustand überleben, der von schwerster Behinderung bis zum Wachkoma gekennzeichnet ist.
  • Im fünften Abschnitt "Was erlebt ein Komapatient?" verquickt der Autor in eher irreführender denn klärender Weise zwei Probleme, die deutlich getrennt werden müssen, nämlich die der Menschen, die in einem Wachkoma-Zustand leben, und die derjenigen Menschen, bei denen der Hirntod eingetreten ist.
  • Der sechste Abschnitt ist den sog. Nahtodberichten gewidmet. Auch wenn die diesen Berichten zugrundeliegenden Phänomene als existent zur Kenntnis zu nehmen sind, erschloß sich mir nicht so recht, was diese zum Thema des Buches beitragen könnten - vielleicht liegt es an meiner Ignoranz.
  • Der siebte Abschnitt beschäftigt sich mit dem Thema "Euthanasie". Zum einen wird die Geschichte der Euthanasie skizziert und zum anderen die weltweiten Aktivitäten in Sachen Legalisierung der Sterbehilfe referiert.
  • Im achten Abschnitt "Welche Rechte haben Patienten?" werden die rechtlichen Bedingungen von Patientenverfügungen/Betreuungsverfügung erläutert. Eines sei den meisten Willenserklärungen gemein: "Sie sprechen sich für eine Beendigung von lebenserhaltenden Maßnahmen aus. Es ist die Abkehr von Problemen, die die klinische Medizin in Zeiten uferloser Geldströme geschaffen hat ... . Das Rad der Medizingeschichte dreht sich wieder zurück." Die Verfügungen sind ein Instrument der Sparpolitik.
  • Die aus Sicht des Autors einzig denkbare Alternative ist Gegenstand des letzten Abschnittes: Palliativmedizin und Hospizarbeit.
Ich habe das Buch mit sehr gemischten Gefühlen weggelegt.

Positiv ist anzumerken, dass der Autor eine Menge Material (Urteile, Stellungsnahmen usw.) zusammengetragen hat; von einer sorgfältigen Recherche vermag ich allerdings nicht zu sprechen, da das Ergebnis doch allzusehr einseitig, ja tendenziös ist. Positiv ist ebenfalls, dass auf viele mitunter klammheimlich in der Gesellschaft etablierte Gegebenheiten aufmerksam gemacht wird, die lebensvernichtend oder Leben nach bestimmten Wertvorstellung aussondernd wirken. Auch kann selbstverständlich dem Votum für die Palliativmedizin und Hospizarbeit als Alternative im Umgang mit Sterben und Tod beigepflichtet werden.

Einige Darstellungen verdienen jedoch Widerspruch: die Verquickung von Wachkoma und Hirntod ist in der Sache - unabhängig davon, wie man zur Organtransplantation steht - Unsinn und als dümmliche Demagogie zurückzuweisen. Man kann das Hirntodkriterium ob seiner internen Widersprüche mit guten Gründen ablehnen; nur sollte man dann auch so redlich sein und die Transplantationsmedizin und die Intensivmedizin ablehnen, womit notwendig ein zentrales Paradigma der Medizin, nämlich Lebensverlängerung als zentrale Aufgabe der Medizin in Frage gestellt wäre. Ähnliches gilt für die Ausführungen zu den Patientenverfügungen - anstatt diese als Instrumente einer Sparpolitik zu diffamieren, wäre es sinnvoller gewesen, die in der Tat nicht selten im Zusammenhang mit Patientenverfügungen bestehenden, unrealistischen Erwartungen an dieses Instrument zu problematisieren sowie die rechtlichen Grenzen zu erläutern und schließlich auf die Möglichkeit der Vorsorgevollmacht aufmerksam zu machen, die vielleicht gerade dadurch, dass Bevollmächtigender und Bevollmächtigter gezwungen sind, über die Bedingungen des Lebensende zu sprechen, in der Lage ist, einen wirklichen Beitrag zu einer Kultur des Sterbens in Würde in unserer technisierten Welt zu leisten. Auch hätte man sich gewünscht etwas darüber zu erfahren, nach welchen Kriterien Ärzte in hoch technisierten Notaufnahmen und Intensivstationen, entscheiden sollen.

Einige Darstellungen bleiben sehr oberflächlich, so z.B. die immer wieder eingeflochtenen Anmerkungen, dass es letztlich um die Probleme der begrenzten zur Verfügung stehenden Mittel gehe; dem ist in der Sache nicht zu widersprechen. Dadurch, dass aber das komplizierte System der Gesundheitsversorgung nicht transparent gemacht und aufgezeigt wird, wer hier welche Interessen verfolgt - die Nachfrager von Gesundheitsleitungen eingeschlossen -, wird der Eindruck erweckt, als ginge es nur darum, genug Geld zur Verfügung zu stellen, was angesichts des in Deutschland gegebenen Finanzierungssystems nur ins Absurde führen kann. Zu einer gerade im Zusammenhang mit dem Umgehen mit Sterbenden dringlich zu führende Diskussion darüber, welche Gesundheitsleitungen vorgehalten werden sollen, d.h. auf was verzichtet werden soll, wenn andere Leistungen ausgebaut werden sollen, tragen die Ausführungen von Fuchs leider nichts bei.

Einiges bleibt schlicht unverständlich: Es wird zwar deutlich, was der Autor nicht will, jedoch nicht, was er eigentlich will. Es sind dies letztlich die eingangs aufgezeigten Widersprüche in unserem gesellschaftlichen Umgehen mit Sterben und Tod, die sich auch in den Ausführungen von Fuchs widerspiegeln. Sehr schön deutlich wird dies am Ende des Abschnitt über die Reanimation. Einerseits wird das zu häufige Reanimieren kritisiert, andererseits wird festgestellt, dass das Festellen des Hirntodes das Ende der Behandlung bedeutet, wenn der Betroffene nicht als Organspender zur Verfügung steht. Oder : den beiden Berliner Ärzten, die im Spiegel die Dilemmata der Notfall- und Intensivmedizin dargestellt und festgestellt hatten, dass Patienten im Wachkoma in Intensivstationen oder Pflegeeinrichtungen am Sterben gehindert würden, unterstellt Fuchs eine "unüberhörbare Tendenz zum tödlichen Mitleid"; und die Vereinigung Schädel-Hirn-Patienten würde zu Recht den maximalen Einsatz aller medizinischen Möglichkeiten fordern, um apallischen Patienten eine langfristige und menschwürdige Lebensperspektive zu gewähren. Ein Plädoyer für ein Sterben in Würde kann sich nicht darauf beschränken, die - ohne Zweifel unendlich wichtige - Palliativmedizin und Hospizarbeit als Alternativen herauszustellen.

Dieses Plädoyer geht - da im Vorfeld von Palliativmedizin und Hospiz sehr vieles geschieht - in die Leere, wenn außer Acht gelassen wird, dass das Leben funktioniert, ohne dass irgend jemand dazu etwas tun müßte. So ist grundsätzlich in erster Linie das Eingreifen in das System des Lebens begründungsbedürftig und erst in zweiter Linie das Nicht-Eingreifen. Dies gilt auch und gerade für intensivmedizinische Maßnahmen; wenn diese aus rein fiskalischen Gründen eingeschränkt werden, wie Fuchs sicher nicht zu Unrecht darstellt, so ist dies zu kritisieren, jedoch nicht mit der Zielsetzung, dass diese Maßnahmen nicht eingeschränkt werden dürfen, sondern nur mit dem Ziel, dass die Kriterien der Einschränkung im gesellschaftlichen Diskurs transparent erarbeitet werden müssen. Dies ist auch deshalb wichtig, weil dem Menschen unserer Zeit hinsichtlich eines würdevollen Sterbens der Rekurs auf den natürlichen Sterbevorgang für immer verwehrt ist. Man mag dies bedauern, es ist aber nicht zu ändern, denn, abgesehen davon, dass es unmöglich ist, die moderne High-Tech-Medizin abzuschaffen, ist auch nicht erkennbar, wie dies plausibel zu begründen wäre.

In diesem Sinne bleibt das Plädoyer von Fuchs leider auf halber Strecke stehen.

Angehörigenintegration in der Pflege (Rezension)
Angehörigenintegration in der Pflege (George, Wolfgang und Ute George)Reinhardt-Verlag, München, 2003, 264 S., 24,90 € - ISBN 3-497-01676-4Rezension von: Dr. Angelika Zegelin Vorab: Dieses Buch ist sehr empfehlenswert. Auf etwa 260 Seiten entfalten die Autoren ein breites Spe