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Das Medizinkartell<br> Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie (Rezension)

Das Medizinkartell Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie (Langbein, Kurt und Bert Ehgartner)Piper Verlag, München, 2002, 390 S., 19,90 € - ISBN 3-492-04407-7Rezension von: Paul-Werner Schreiner Seit 30 Jahren gibt es in Deutschland wie in vielen anderen westlichen Ind
May 25, 2013 by
Das Medizinkartell<br>
Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie (Rezension)
Andreas Lauterbach

Das Medizinkartell
Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie (Langbein, Kurt und Bert Ehgartner)

Piper Verlag, München, 2002, 390 S., 19,90 € - ISBN 3-492-04407-7

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Seit 30 Jahren gibt es in Deutschland wie in vielen anderen westlichen Industrieländern eine anhaltende Diskussion über die Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Eine sog. Gesundheitsreform jagt die nächste - und auch derjenige, der sich nicht intensiv mit der Materie beschäftigt, weiß inzwischen, dass die Halbwertszeit auch einer als Jahrhundertreform angekündigten Neustrukturierung selten den Zeitraum von wenigen Wochen überschreitet.

Es werden meist die für jeden erkennbaren Folgen der Misere beklagt - von den Gesundheitsleistungen Nachfragenden die fortschreitenden Einschränkungen von Leistungen und von den die Gesundheitsleistungen Anbietenden die zunehmenden Einschränkungen ihrer Handlungsmöglichkeiten. Nach den Ursachen des Problems wird selten gefragt - und dies hat seinen guten Grund: Die Nachfragenden müssten nämlich ihr Nachfrageverhalten infrage stellen lassen und die Anbietenden ihre Handlungsstrategien. Letzteres ist Gegenstand des vorliegenden Buches von Kurt Langbein, dem Mitautor des einstigen Bestsellers "Bittere Pillen", und Bert Ehgartner "Das Medizinkartell - Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie".

Die beiden kritischen Medizinjournalisten befragen etablierte Konzepte medizinischen Handelns auf die Stimmigkeit der jeweiligen Begründung und decken dabei manche Fehleinschätzungen, die zu effektiven Patientenschädigungen geführt haben, und aus unserer heutigen Sicht skurrile Handlungen auf sowie auch den einen oder anderen Skandal. Sehr nachdenklich stimmt, dass schon die Anfänge des weithin als erfolgreich eingeschätzten medizinischen Handelns gegen die Infektionskrankheiten (Namen wie Pasteur, Koch und Pettenkofer spielen hier eine Rolle) nicht nur von vielen Irrtümern begleitet war, sondern auch nicht unwesentlich von Karriere- und Profitüberlegungen der jeweiligen Akteure sowie deren Eitelkeiten bestimmt wurde, und in nicht wenigen Fällen betroffene Patienten durch das Handeln massiv geschädigt wurden.

Die Begründungen einiger Handlungsstrategien des etablierten Medizinsystems werden als - vorsichtig formuliert - löcherig enttarnt, so z. B. die Vorsorgemaßnahmen im Bereich der Gynäkologie, das Risikofaktorenmodell bei den Gefäßerkrankungen (hier steht vor allem das Cholesterin - Stichwort: Cholesterinsenker - im Vordergrund; leider blieben die unsäglichen Umtriebe des Heidelberger Magarinepapstes Schettler unerwähnt), die Impfstrategien sowie die weit in den Alltag reichenden überzogenen Hygienemaßnahmen, die möglicherweise Ursache der zunehmenden Verbreitung von Allergieerkrankungen sind.

All diesen so nur mäßig gut begründeten Maßnahmen ist gemeinsam eigen: Mit ihnen wird sehr viel Geld verdient. So bezeichnen die Autoren die siebte Todsünde der Gesundheitsindustrie auch folgerichtig als "Die Versklavung der Medizin durch die Industrie". In diesem Kapitel wird u. a. der Fall Gelsinger nachgezeichnet, bei dem ein junger Mann an den Folgen eines gentherapeutischen Experiments, von dem er keinerlei Nutzen gehabt hätte, verstarb - ein zugegebener Maßen besonders bedrückendes Beispiel für das Problem, das aufzuzeigen Ziel des vorliegenden Buches ist.

Ebenso bedrückend sind die Darstellungen in dem mit "Menschenfalle Medizin" überschriebenen Kapitel zur vierten Todsünde. In diesem Kapitel werden einige Folgen skizziert, die sich aus der profitorientierten Handlungsstrategie in dem Gesundheitssystem nahezu zwingend ergeben (etwas unlogisch ist, dass dieses Kapitel mitten im Buch steht und nicht am Ende). Auch in diesem Kapitel geht es um betroffene Kranke oder vermeintlich Kranke - es wird u.a. die Geschichte eines Patienten, der mit einer Hochdosis-Chemotherapie behandelt wurde, geschildert sowie noch einmal der Essener Brustkrebsskandal in Erinnerung gerufen. Es wird in einem Abschnitt, der mit "Die medikalisierte Gesellschaft" überschrieben ist, auch das Problem der alten Menschen aufgegriffen, die mitunter mit Unmengen Tabletten traktiert werden, um ihren Tod hinauszuzögern, obwohl wir letztlich nicht wirklich wissen, weshalb ein Mensch sehr alt wird - und uns dieses Wissen hoffentlich auch immer verwehrt bleiben wird. Eingeleitet wird das Kapitel aber - und das ist vielleicht die dramatischste Konsequenz, die sich aus der in dem Buch aufgezeigten Problematik ergibt - durch den bedrückenden Bericht über den Arbeitsalltag einer Ärztin in einer HNO-Uniklinik. Es sind nicht nur die betroffenen Menschen, die ein Gesundheitsproblem haben, Opfer des Systems, sondern auch die Akteure. Es wird an dem Bericht nicht nur deutlich, unter welch unmenschlichen Bedingungen z.B. angestellte Ärzte arbeiten müssen, sondern auch welchen Zwängen die Akteure des Systems unterliegen. Es wird aber auch unübersehbar, dass das System so nicht funktionieren würde, wenn nicht den Profitinteressen einer Industrie - der Gesundheitsindustrie - eine enstsprechende Erwartungshaltung der Gesellschaft gegenüberstehen würde und die Industrie diese nicht sehr gut für ihre Zwecke instrumentalisieren könnte. Die Erwartung an die Medizin besteht aber nicht nur darin, dass mit den Mitteln der Medizin Krankheiten geheilt ("wegmacht") werden, sondern - da der Mensch nach allgemeiner Überzeugung nur an einer Krankheit stirbt - letztlich darin, dass die Medizin den Tod verhindert (oder, wenn sie dies nicht vermag, diesen unauffällig herbeiführt).

Dies sollte der geneigte Leser von der ersten Seite an bedenken, wenn er das vorliegende Buch, wozu ich nur sehr raten kann, in die Hand nimmt und sich auf jeder Seite über etwas aufregt.

Die Medizinische Poliklinik in Marburg und die Anfänge ihrer Selbständigkeit (Rezension)
Die Medizinische Poliklinik in Marburg und die Anfänge ihrer Selbständigkeit (Lauer, Hans H.)N.G. Elwert Verlag, Marburg, 1994, 44 S., broschiert, 12.00 € - ISBN 3-7708-1029-5Rezension von: Dr. Hubert Kolling Ein Erlass des "Herrn Ministers der geistigen etc. Angelegenheiten"