
Innes, Anthea und Louise McCabe (Hrsg.)
Demenzevaluation
Praxishandbuch zur Bewertung der Versorgung von Menschen mit Demenz
Verlag Hans Huber, Bern, 2013, 224 S., 39,95 â¬, ISBN 978-3-456-85339-0,
Die Demenzpflege ist gegenwärtig noch in einem Stadium des Suchens und Erprobens. In Deutschland ist die Demenzpflege dergestalt zweigeteilt, dass auf der einen Seite vor Ort in den Heimen und im häuslichen Bereich überwiegend spontan und intuitiv im Umgang mit Demenzkranken agiert und reagiert wird. Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien, das âMitgehen und Mitmachenâ, bestimmen somit den Alltag der Pflege und Betreuung. Auf der anderen Seite werden von Leitenden und Verantwortlichen in den Einrichtungen sogenannte âpersonenzentrierteâ Konzepte (Kitwood, Validation u. a.) favorisiert, die zwar keine Wirksamkeit und Praktikabilität nachweisen können, die jedoch in den Ausbildungsstätten und in den Fachdiskussionen gegenwärtig en vogue sind.
Das vorliegende Buch ist die Ãbersetzung einer Publikation, die bereits 2007 in London mit dem Titel âEvaluation in Dementia Careâ veröffentlicht wurde. Es handelt sich hierbei um einen Sammelband mit 14 Beiträgen, die in drei Teile unterteilt sind und von insgesamt 15 Autoren aus England, Schottland, Frankreich, Norwegen, Schweden und Litauen stammen. Es fehlt ein Autorenverzeichnis, nur über die Herausgeberinnen, die Dozentinnen mit dem Schwerpunkt Demenzversorgung an der Universität Stirling in Schottland sind, wird berichtet. Des Weiteren fehlen Informationen über den Entstehungshintergrund dieser Publikation.
In Teil eins der Veröffentlichung (âEvaluierung von Betreuung und Pflege bei Demenz in verschiedenen Kontextenâ â Seite 17- 71) beinhalten die Beiträge u. a. einleitend die Frage, was Evaluierung im Rahmen der Pflege und Betreuung Demenzkranker zu berücksichtigen hat. Daran anschlieÃend geht es um Problembereiche der Evaluierung: mit welchen Verfahren und Messmethoden und vor welchem theoretischen Hintergrund Verhaltensweisen erfasst werden können und welche ethischen Aspekte es hierbei zu berücksichtigen gilt. Eingehend werden die Vor- und auch Nachteile interner gegenüber externer Evaluierungsvorgehensweisen betrachtet. Zum Schluss wird auf den politischen Kontext im Rahmen der Regulierungspolitik im Sozialbereich in GroÃbritannien unter Berücksichtigung der geltenden Standards eingegangen.
Teil zwei (âEvaluierung von Betreuung und Pflege bei Demenz â Reflexionen zur Durchführbarkeitâ â Seite 73 â 155) enthält konkrete Fragestellungen und auch Erhebungen aus dem Bereich der Demenzversorgung. Zu Beginn werden Studien über den Einsatz verschiedener Technologien wie z. B. eine Tag-Nacht Kalenderuhr, Vorrichtungen zum Abschalten des Herdes und Lampen, die sich nachts beim Aufstehen von selbst einschalten, beschrieben. Es stellte sich u. a. heraus, dass bestimmte Produkte zur Erleichterung einer selbstständigen Lebensführung bei Demenz noch deutliche Mängel aufweisen und somit den Praxistest nicht bestanden haben. Ein Beitrag setzt sich mit den Auswirkungen der physischen Umwelt wie Farbgebung, Umgebungsbeleuchtung und die Geräusche auf das Befinden der Demenzkranken mit der Zielrichtung einer Reduzierung der belastenden Umgebungsfaktoren auseinander. In weiteren Kapiteln werden u. a. Untersuchungen über die Bedeutung einer âErinnerungspflegeâ mithilfe eines âErinnerungsalbum-Projektesâ, die Verwendung des Erhebungsverfahrens âDementia Care Mappingâ als ein Evaluationsinstrument und die verschiedenen Strategien einer verdeckten Medikamentenverabreichung in Pflegeheimen vorgestellt.
In Teil drei (âZukünftige Aufgaben der Evaluierung von Demenzbetreuung und Pflegeâ â Seite 157 â 202) werden überwiegend grundsätzliche Fragestellungen aus diesem Arbeitsfeld bearbeitet. Es geht u. a. um ethische Fragen, inwieweit die Demenzkranken selbst in diese Untersuchungen miteinbezogen werden sollten. Detailliert werden diesbezüglich u. a. die Aspekte der Einwilligung, des Eindringens in die Privatsphäre und die Schweigepflicht im Rahmen der EvaluationsmaÃnahmen erläutert. Des Weiteren wird in einem Beitrag die Pflege und Betreuung Demenzkranker in finanziell schlecht ausgestatteten Einrichtungen anhand der Verhältnisse in Litauen auf der Grundlage der sozialpolitischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten des Landes beschrieben.
Ein âPraxishandbuchâ für die Bewertung der Pflege und Betreuung Demenzkranker soll das Buch darstellen. Doch hierfür fehlen die Darstellung und die Begründung eines Modells der Demenzpflege, das sich aus einem neurowissenschaftlichen Bezugsrahmen ableiten und somit zugleich empirisch überprüfen lässt. Der bloÃe Rekurs auf die normativ-abstrakten Gedanken eines Tom Kitwoods bildet keine Grundlage für die Evaluation konkreter Alltagshandlungen im Umgang mit Demenzkranken, denn dieses Ideengebäude vermag weder die Komplexität dieser Interaktionen noch die grundlegenden Wirkmechanismen zu erklären. Das evidente Fehlen eines alles integrierenden Konzeptes des Handelns im Bereich der Demenzversorgung zeigt sich u. a. in der Darstellung bloÃer Einzelaspekte, die jedoch nicht vor dem Hintergrund eines theoretischen Bezugsrahmens interpretiert werden. Die Medikamenteneingabe in Norwegen, die Infrastruktur in Litauen, ein Konzept der Erinnerungspflege aus England und die Ãberprüfung von Herdsicherungssystemen, all das wirkt in diesem Buch äuÃerst unzusammenhängend. Hier fehlt ein erklärendes und zugleich verbindendes Theoriemodell. So bleibt nur der Eindruck von Disparatem. Impulse für die Bewertung der Demenzpflege in der Praxis sind daher in diesem Buch nicht vorzufinden.
 Eine Rezension von Sven Lind