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Dobler: Warum Irsee?

Dobler, Gerald Warum Irsee? Die Erweiterungsplanungen der Kreisirrenanstalt Irsee ab 1865 bis zum Neubau der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren 1872 Für das Schwäbische Bildungszentrum Irsee herausgegeben von Stefan Raueiser Crizeto Verlag, Irsee, 2013, 87 Seiten, 14,80 €, IS
May 26, 2015 by
Dobler: Warum Irsee?
Andreas Lauterbach

Dobler, Gerald

Warum Irsee?

Die Erweiterungsplanungen der Kreisirrenanstalt Irsee ab 1865 bis zum Neubau der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren 1872
Für das Schwäbische Bildungszentrum Irsee herausgegeben von Stefan Raueiser

Crizeto Verlag, Irsee, 2013, 87 Seiten, 14,80 €, ISBN 978-3-9812731-7-5

Die „Kreis-Irren-Anstalt Irsee“ des Kreises Schwaben und Neuburg, die heute einem Bezirkskrankenhaus des Bezirks Schwaben entsprechen würde, wurde ab 1833 in den Räumen des säkularisierten Benediktinerklosters Irsee eingerichtet und am 1. September 1849 eröffnet. Aufgrund ihrer chronischen Überfüllung wurde 1865 mit Erweiterungsplanungen begonnen. Zu dieser Zeit war die Zahl der Patienten auf über 220 angestiegen. Gemessen an der ursprünglich vorgesehenen Kapazität war das Haus, dem seit 1. Dezember 1859 der Psychiater Dr. Johann Michael Kiderle (1821-1890) als Direktor vorstand, damit um mehr als 50 Prozent überbelegt. Die Umbauplanungen für Irsee, an denen hervorragende Psychiater ihrer Zeit, darunter in erster Linie Prof. Dr. August von Solbrig (1809-1872), Leiter der Oberbayerischen Kreisirrenanstalt und Universitätsprofessor in München, aber auch Bernhard von Gudden (1824-1886), Leiter der Unterfränkischen Kreisirrenanstalt Werneck, beteiligt waren, führten schließlich zum Neubau der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, der seit Frühjahr 1872 unter Leitung des Augsburger Kreisbaubeamten Georg Freiherr von Stengel (1814-1882) ausgeführt wurde. Am 1. August 1876 wurde die „Bayerische Heilanstalt für Geisteskranke in Kaufbeuren“ eröffnet, Irsee fungierte von nun an als Zweigstelle.

Von den Erweiterungsplanungen für Irsee und den Neubauplanungen der Heilanstalt Kaufbeuren blieben im Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren rund 30 überwiegend großformatige, teilweise auch künstlerisch-ästhetisch sehr ansprechende Planzeichnungen erhalten, die detailliert die Umbauplanungen der ehemaligen Benediktinerabtei Irsee in eine zeitgenössisch moderne Heil- und Pflegeanstalt für psychisch kranke Menschen dokumentieren. Nach seiner „Entdeckung“ in den 1980er Jahren wurde der außerordentlich faszinierende Planbestand – ein ungewöhnlicher Schatz der Architektur- und Psychiatriegeschichte Bayerns aus dem 19. Jahrhundert, in dem sich die Sorge des Bezirks Schwaben (des früheren Kreises Schwaben und Neuburg) um das Wohl psychisch erkrankter Mitbürger spiegelt – zurück nach Irsee gegeben, wo sich das Tagungs- und Bildungszentrums Irsee, seit seiner Eröffnung im Jahre 1981 ein überregional bedeutsames Forum wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, politischer und kultureller Kommunikation in Trägerschaft des Bezirks Schwaben (vgl. www.kloster-irsee.de), um die wissenschaftliche Aufarbeitung bemühte. Die Aufgabe wurde in die Hände des Kunsthistorikers Dr. Gerald Dobler gelegt, der seine Forschungsergebnisse jüngst in dem Buch „Von Irsee nach Kaufbeuren“ veröffentlichte.

Der Autor, der in Wasserburg am Inn ein Büro für Dienstleistungen rund um Kunst und Denkmalpflege betreibt, stellt darin die Entwürfe und Planungen des Architekten Georg Freiherr von Stengel erstmals umfassend vor und verortet sie in der Geschichte der deutschen Psychiatrie des 19. Jahrhunderts. Wie sich hierbei zeigt, sind die Pläne nicht nur architektonisch interessant, sondern vor allem auch sozial- und psychiatriegeschichtlich. Nachdem die Fürsorge für psychisch kranke Menschen Mitte des 19. Jahrhunderts professionalisiert und institutionalisiert worden war und entsprechende Einrichtungen überall in Europa neu eingerichtet wurden, verzeichneten diese allerorten stark steigende Patientenzahlen. Da auch die im ehemaligen Kloster Irsee eingerichtete Anstalt schnell überfüllt war, bemühte sich der Direktor um eine Erweiterung.

Bei der Analyse der überlieferten Planentwürfe für die Irseer Einrichtung und für den Neubau in Kaufbeuren wird laut Dobler vor allem der wachsende Einfluss der zeitgenössischen Psychiatrietheorien auf die Baukunst deutlich, vor allem in den Korridorsystemen, aber auch in den durch das „No Restraint“ Prinzip bedingten Tagräumen und Isolierzimmern sowie in den für die Hydrotherapie benötigten Badezimmern. Das Bestreben der Mediziner sei es gewesen, die verschiedenen Stationen nicht mehr in blockhaften Gebäuden unterzubringen, sondern in einzelnen Bauten, die durch Korridore verbunden und in weitläufige Höfe und Gärten eingebettet sind. In Irsee sollten zu diesem Zweck gar die Klosterkirche teilweise abgerissen und das Anstaltsareal um ein Vielfaches vergrößert werden. Der von Stengel vorgelegte erste Entwurf für den Neubau in Kaufbeuren zeigt ein überaus weitläufiges Projekt, das zwar den psychiatrischen Theorien dieser Zeit in idealer Weise entsprochen hätte, von den politisch Verantwortlichen aber nicht zuletzt wegen der Kosten abgelehnt wurde. So legte der Architekt eine etwas reduzierte und verdichtete Planung vor, die dann auch umgesetzt wurde – heute wegen vieler Umbauten aber kaum noch zu erkennen ist. Auch die überaus schlichte Fassadengestaltung könnte nach Ansicht von Dobler ein Ausdruck dafür sein, medizinische Theorie und Architektur in Einklang zu bringen.

Warum überhaupt nach den intensiven Planungen für Irsee dann doch ein Neubau in Kaufbeuren angestrebt wurde, konnte der Kunsthistoriker nicht abschließend klären. Zum einen gab es das Bestreben, psychiatrische Krankenhäuser für ein großes Einzugsgebiet nicht mehr wie früher möglichst abgelegen, sondern in größeren Orten mit Bahnanschluss zu platzieren. Außerdem habe sich die Stadt Kaufbeuren intensiv um die Ansiedlung bemüht und dabei das Rennen vor Augsburg gewonnen, das ebenfalls großes Interesse an der Anstalt hatte. Schließlich könnten auch die schwierigen Geländeverhältnisse rund um das Kloster Irsee und die enge Nachbarbebauung für einen Neubau andernorts gesprochen haben.

Wie Gerald Dobler in seinem Resümee festhält, dokumentieren die Erweiterungsplanungen für Irsee und der Neubau in Kaufbeuren „nicht zuletzt das Bemühen des Anstaltsleiters Dr. Kiderle und der Regierung und des Landrates von Schwaben, in zeitgebundener Weise, aber nach bestem Wissen und Gewissen und mit hohem finanziellen Aufwand der Verantwortung gegenüber den psychisch Kranken gerecht zu werden“ (S. 81).

Jürgen Reichert, Bezirkstagspräsident von Schwaben, hat zu der Veröffentlichung ein Geleitwort beigesteuert, in dem er zu deren Bedeutung und Intention festhält: „Die hier vorgestellten Umbau- und Neubauplanungen für Irsee und Kaufbeuren sind ein Spiegelbild der Anstaltspsychiatrie ihrer Zeit – und zugleich Herausforderung für Gegenwart wie Zukunft, psychisch Kranken die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen“ (S. 3).

Diesem Votum möchte sich der Rezensent uneingeschränkt anschließen. Indem Dr. Stefan Raueiser das Buch für das Schwäbische Bildungszentrum Irsee herausgibt, hat die Bildungseinrichtung wieder einmal mehr ihr Anliegen unterstrichen, die Psychiatrie-Tradition des ehemaligen Klosters – auch abseits ihrer dunklen Phase während des NS-Regimes – wachzuhalten. Dabei geht die Bedeutung des großformatigen Bandes „Von Irsee nach Kaufbeuren“ weit über die Region hinaus, indem er exemplarisch und im wahrsten Sinne des Wortes sehr anschaulich die zeitgenössischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert zwischen Architekten und Psychiatern darstellt.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

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