Ethikkommissionen und medizinische Forschung (Christiane Druml)Facultus Verlag, Wien 2010, 108 Seiten, broschiert, 14,50 €, ISBN 978-3-7089-0623-2Rezension von: Dr. Hubert Kolling |
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Forschung am Menschen muss die Sicherheit und die Rechte der Patienten und gesunden Probanden wahren sowie transparent und der Allgemeinheit verpflichtet sein. Damit diese ethischen und rechtlichen Standards sichergestellt werden, wurden Forschungsethikkommissionen gegründet. Deren Notwendigkeit wird mittlerweile sowohl in der Wissenschaft selbst als auch in der öffentlichen Diskussion weithin als selbstverständlich angesehen. Vorausgegangen waren lange und kontroverse Aufarbeitungs- und Diskussionsprozesse zur Geschichte der Forschung am Menschen im 19. und 20. Jahrhundert, insbesondere auch die damit verbundenen Verbrechen und Skandale. Wichtige Meilensteine waren dabei der Nürnberger Code of Medical Ethics (1947) im Kontext der Nürnberger Ärzteprozesse, die Deklarationen von Helsinki des Weltärztebundes seit 1964 sowie der Belmont Report von 1978.
Diese Forschungsethikkommissionen - nicht zu verwechseln mit Bioethikkommissionen oder klinischen Ethik-Komités, die andere bioethische Fragestellungen bearbeiten - sind interdisziplinär zusammengesetzte Gremien, die zunächst vorwiegend für die Begutachtung klinischer Forschungsprojekte, aber auch für die Anwendung neuer Therapiemaßnahmen zuständig waren. Zunächst primär für die Wahrung der Sicherheit der Rechte von in medizinische Studien aufgenommenen Personen und Probanden eingerichtet, haben die Forschungsethikkommissionen heute ein breites Aufgabenspektrum erworben. Sie beurteilen die methodische und inhaltliche Qualität von Forschungsprojekten und die Eignung der an den Projekten beteiligten Personen. Ferner sorgen sie dafür, dass die Projekte nach internationalen Regeln ("Good Clinicl Practice") durchgeführt werden, dass klinische Wissenschaft transparent, vertrauenswürdig und offen ist sowie den humanistischen Zielen und der Allgemeinheit verpflichtet bleibt.
Die Juristin Dr. Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt Österreich, Geschäftsführerin der Ethik-Kommission der Medizinischen Universität Wien und Mitglied des Internationalen Bioethics Commitee der UNESCO, hat einen Leitfaden "Ethikkommissionen und medizinische Forschung" vorgelegt, in dem sie eine Einführung in die Konzeption, die rechtlichen Rahmenbedingungen und das wachsende Aufgabenspektrum moderner Forschungsethikkommissionen gibt. Zum Inhalt beziehungsweise zur Bedeutung ihrer Veröffentlichung schreibt die Autorin im Vorwort: "In diesem Band soll keine systematische Einführung in die Ethik der modernen biomedizinischen Forschung ("Bioethik") gegeben werden, dazu ist bereits sehr viel Literatur vorhanden. Hier soll ein spezieller Aspekt, die Institution von Forschungsethikkommissionen dargestellt sowie ihr steigendes Aufgabenspektrum und ihre Stellung im Kontext medizinischer Forschung diskutiert werden. Das ist ein Themenbereich, zu dem im deutschen Sprachraum bislang wenig Literatur existiert." (S. 9). Und in Hinblick auf die ins Auge gefasste Zielgruppe führt sie aus: "Dieses Buch wendet sich an alle, die mit klinischer Forschung befasst sind. Das sind klinische Forscher selbst, angehende Ärzte mit wissenschaftlichem Interesse, Angehörige von Pharmafirmen und nicht zuletzt auch die steigende Zahl an Mitgliedern dieser Kommissionen. Darüber hinaus richtet es sich auch an den mündigen, an Forschung interessierten Patienten und soll ihm einen leichtfassbaren Überblick über die ethischen Fragestellungen in der modernen klinischen Forschung geben" (S. 10).
Das Buch gliedert sich in einen Allgemeinen Teil (S. 15-45) und einen Praxis-Teil
(S. 47-85). Ergänzt wird die Darstellung durch einen Anhang (S. 87-108)
mit einer Übersicht über internationale Empfehlungen, Richtlinien
und Gesetze, Abkürzungsverzeichnis, weiterführende Literatur, wichtige
Internet-Adressen, Glossar und Sachregister.
Ihrem selbst gewählten Anspruch wird Christiane Druml in jeder Beziehung
gerecht. Besonders positiv hervorzuheben ist dabei, dass sie bei ihrer Darstellung
weitgehend auf einen fachspezifischen "Ethik-Slang" verzichtet und
den Text so gestaltet hat, dass er auch für den medizinisch interessierten
Laien ohne spezielle Vorkenntnisse informativ ist. Ferner verweist sie neben
der Situation in Österreich auch auf die wesentlichen Regeln von Deutschland
und der Schweiz. Die Autorin legt zudem dar, dass die Ethikkommissionen als
Instrument der Forschungspolitik keineswegs "Bremser" sind und nicht
die Forschung behindern, sondern "höchste Qualität und Integrität"
garantieren. In der Zukunft sei damit zu rechnen, dass diesen Kommissionen
"eine noch wesentlich intensivere Überwachung des Fortganges einer
Studie auferlegt wird: "Ethikkommissionen werden von der Einreichung
bis zur Publikation klinische Forschungsanträge begleiten" (S. 85).
Ausgehend von der breit gefächerten hohen Verantwortung der Mitglieder
sollten diese nach Ansicht von Christiane Druml zukünftig eine spezielle
Ausbildung erhalten, die sowohl vor Beginn ihrer Funktion als auch kontinuierlich
während ihrer Tätigkeit angeboten und angenommen wird, vergleichbar
dem Piloten eines Flugzeuges, der auch eine kontinuierliche Praxis und Weiterbildung
benötigt, um maximale Sicherheit für die Menschen zu gewährleisten.
Der schmale Band für alle, die mit biomedizinischer Forschung befasst sind, ebenso wie für medizinisch interessierte Laien. Insgesamt betrachtet bietet der vorliegende Leitfaden einen hervorragenden Überblick zum Thema "Ethikkommissionen und medizinische Forschung" im deutschsprachigen Raum. Bei einer Neuauflage wäre es wünschenswert, den Inhalt und Titel des Buches um die pflegewissenschaftliche Forschung zu ergänzen.