Gerontologie und Pflege |
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Die Pflege als berufliches Handeln ist gegenwärtig in Deutschland in zwei sich teils ergänzenden Prozessen eingebunden: Akademisierungsbemühungen â die Etablierung einer Pflegewissenschaft â und parallel hierzu Standardisierungs- und Normierungsbemühungen (Pflegestandards, Evidenz in der Pflege). Ãhnliche Entwicklungen sind momentan auch in anderen Disziplinen (u. a. Medizin und Sozialarbeit) festzustellen.
Vor diesem Hintergrund sind die vorliegenden Beiträge der Autoren (Hermann Brandenburg, Hildegard Entzian, Ulrike Höhmann und Thomas Klie) aus den Jahren 1998 bis 2002 wissenschaftsgeschichtlich einzuordnen. Die zentralen Themen hierbei sind das Verhältnis von Gerontologie und Pflege, die wissenschaftlichen Schwerpunkte dieser Disziplinen, Pflegestudiengänge und vor allem Wege der Professionalisierung in der Pflege und Gerontologie sowie letztlich Kompetenzprofile in der professionellen Pflege alter Menschen.
Für den Rezensenten überraschend ist die Einschätzung, dass die Medizin, Gesundheits- und Sozialwissenschaften âNachbardisziplinenâ der Pflegewissenschaft darstellen. Für diese Rangstufe der Pflege als Wissenschaft werden jedoch keine Fundierungen auf empirischer und wissenschaftstheoretischer Grundlage erbracht. Für den Rezensenten handelt es sich bei der Pflegewissenschaft um eine Handlungswissenschaft zweiter Ordnung, deren primärer Bezugsrahmen u. a. aus Medizin und Psychologie (Handlungswissenschaften erster Ordnung) besteht. Ãhnlich überraschend sind die Einschätzungen, dass es sich bei der Pflege um âInteraktionskunst und Handwerkâ handelt und dass hierbei die âmetahandwerkliche Kompetenzâ im Mittelpunkt steht.
Diese Auffassungen der Pflege als Wissenschaft und Beruf lassen sich als Bemühungen um eine angemessene Selbstfindung und Verortung in das bestehende Wissensgefüge interpretieren. Man ist noch auf der Suche, doch klare Orientierungen scheinen gegenwärtig noch nicht vorhanden zu sein. Die Gerontologie als interdisziplinäre Erfassung des Alterns vermag zwar den Gegenstandsbereich einer Pflege alter Menschen zu strukturieren und abzugrenzen, die Entwicklung eines ganzheitlichen Konzeptes aus Theorie und Praxis für die Pflege kann sie weder induktiv noch deduktiv leisten.
Es kann das Fazit gezogen werden, dass die Pflege sich gemäà den üblichen gesellschaftlichen Trends â jedes berufliches Handeln möchte sich gegenwärtig verwissenschaftlichen und normieren â einen Wandlungsprozess in Richtung Wissenschaft und Standardisierung unterzieht. Bei all diesen Anstrengungen sollte jedoch nie das Faktum negiert werden, dass es sich bei den entscheidenden zwischenmenschlichen Beziehungen im pflegerischen Kontext um angeborene Verhaltensweisen handelt. Die Erkenntnis âPflegen kann jederâ (bezogen auf grundpflegerisches Wirken) sollte nicht tabuisiert werden, sondern als Basiswissen auf allen Ebenen pflegerischen Handelns und deren Reflexion Anerkennung finden. Andernfalls droht Pseudo-Akademisierung und Ãberprofessionalisierung mit allen damit verbundenen Konsequenzen.