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Heilung mit Defekt<BR>Psychiatrische Praxis an den Anstalten Hofheim und Siegburg 1820-1878<BR>(Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 203) (Rezension)

Heilung mit DefektPsychiatrische Praxis an den Anstalten Hofheim und Siegburg 1820-1878(Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 203) (Salina Braun)Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2009, 513 S., 78,90 €, ISBN 978-3-525-35853-5 Rezension von: Dr. Hube
May 25, 2013 by
Heilung mit Defekt<BR>Psychiatrische Praxis an den Anstalten Hofheim und Siegburg 1820-1878<BR>(Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 203)  (Rezension)
Andreas Lauterbach

Heilung mit Defekt
Psychiatrische Praxis an den Anstalten Hofheim und Siegburg 1820-1878
(Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 203) (Salina Braun)

Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2009, 513 S., 78,90 €, ISBN 978-3-525-35853-5

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Der Zeitraum von den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis in die 1870er Jahre umfasst bekanntlich die Etablierungsphase der Psychiatrie in Deutschland an den Irrenanstalten sowie die ersten Jahre der sich formierenden Universitätspsychiatrie. Zwei Themen bereiteten den Psychiatern gegenüber ihren Medizinerkollegen damals besondere Schwierigkeiten: zum einen die Klassifikation der verschiedenen psychischen Störungen, zum anderen deren Prognose. Zwar bestand bei der Klassifikation ein Minimalkonsens in der gebräuchlichen Einteilung in primäre und sekundäre Formen, dies konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine „wahrhaft babylonische Sprachverwirrung“ bei der Bezeichnung psychiatrischer Störungen gab und jeder Arzt unter den verschiedenen Bezeichnungen etwas anderes verstand, da Begriffe wie „Symptomkomplexe“ und „Krankheitsform“ nicht voneinander unterschieden wurden. So bezeichnete etwa Pfarrer Dauzenberg 1863 den Entlassungsstatus von Johanna Elisabeth R. aus der zeitgenössisch renommierten Irrenheilanstalt Siegburg bei Bonn als „Heilung mit Defekt“. Was aber hieß es im 19. Jahrhundert, ein „heilbarer“, was ein „unheilbarer“ Fall zu sein? Wie kam es bei den Anstaltspatienten zur Aufnahme, wie wurden die Betroffenen in den Institutionen behandelt und was passierte nach ihrer Entlassung? Ausgehend von der These, dass der Mythos der Heilbarkeit als ärztliches Legitimationsmittel eng mit der „Geburt“ der Psychiatrie verbunden ist, beschäftigt sich mit diesen Fragen die Diplom-Psychologin und Historikerin Salina Braun in der vorliegenden Studie „Heilung mit Defekt“ aus verschiedenen Perspektiven: aus der Sicht der Ärzte, der Geistlichen, der Patienten und ihren Angehörigen.

Grundlage ihrer Untersuchung, die als Dissertation im Rahmen der International Max-Planck-Research-School „Werte und Wertewandel von Mittelalter bis Neuzeit“ des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen, der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, des Zentrums für Mittelalter- und Frühneuzeitforschung der Georg-August-Universität Göttingen und des Seminars für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen entstand, bilden zwei repräsentative Heil- und Pflegeanstalten: die rheinische Irrenheilanstalt Siegburg bei Bonn und das traditionsreiche hessische Hohe Hospital Hofheim bei Darmstadt. Gestützt auf die Auswertung von überlieferten Krankenakten gewährt die Autorin dabei tiefe Einsichten in das Aufnahme- und Entlassungsgeschehen, aber auch Binnensichten in den Anstaltsalltag. Darüber hinaus stellt sie anschaulich den Wandel von Krankheitskonzepten und Behandlungsmethoden vor, ebenso wie die Beharrungskraft der Praxis.

Der Aufbau der beeindruckenden und mit einem soliden Anmerkungsapparat ausgestatteten Studie gestaltet sich derart, dass die Autorin nach einem ausführlichen Einleitungsteil zunächst einen Überblick über die zeitgenössisch psychiatrisch-disziplinäre Entwicklung vor dem Hintergrund der Ausgangsfragen Wahrnehmung sowie Umgang und Behandlung mit psychisch abweichendem Verhalten gibt, wobei sie insbesondere die Krankheitsauffassung und -klassifikation der für diese Arbeit relevanten Fachvertreter, der leitenden Anstaltsärzte und ihrer Assistenten, berücksichtigt. In dem daran anschließenden dritten Kapitel rückt sie die Anstalten als Institution in den Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei bettet sie deren Ausgangslage und Entwicklung in den breiteren Kontext der zeitgenössischen Versorgungsstruktur ein und beleuchtet diese vor dem Hintergrund der fachinternen Debatten, aber auch der jeweiligen politischen Verhältnisse im Großherzogthum Hessen und den preußischen Rheinprovinzen. Im vierten Kapitel untersucht sie die gesellschaftliche Funktion der beiden Institutionen, wobei sie hinsichtlich der Einweisungspraktiken sowie im Kontext der Entlassungen gesellschaftliche Toleranzgrenzen und „Bewältigungs“-Strategien im Umgang mit psychisch Auffälligen auslotet. In den Blick kommen dabei auch die einzelnen am Einweisungsgeschehen beteiligten Akteure und ihr Verhältnis unter- und zueinander. Im Zentrum des fünften Kapitels steht die Analyse der Beziehungsstruktur in den Anstalten selber. Hierbei geht es der Autorin vor allem um die Betrachtung des Spannungsverhältnisses zwischen idealtypischen ärztlichen Entwürfen des Zusammenlebens und der „Heilung“ einerseits und der Alltagswelt in den Anstalten andererseits. Im sechsten Kapitel wendet sie sich dann – vor dem Hintergrund zeitgenössischer Krankheitskonzepte von Laien und Ärzten – der eigentlichen Behandlungspraxis zu, wobei sie auch die Ansichten und Praktiken in der häuslichen Sphäre vor der Einweisung mit denen in der Anstalt vergleicht und auf Ähnlichkeiten beziehungsweise Divergenzen hin untersucht. Im siebten und abschließenden Kapitel nimmt sie schließlich Überlebensstrategien in der Anstalt in den Blick, darunter auch bestimmte Verhaltensmuster der Patienten als Reaktion auf ihre Asylierung.

Salina Braun hat eine wichtige Untersuchung vorgelegt, die jenseits einer Institutionengeschichte wertvolle Erkenntnisse über die psychiatrische Praxis beziehungsweise das „Innenleben“ von zwei Irrenheilanstalten im 19. Jahrhundert liefert. Eine gewisse Einschränkung der vorliegenden Arbeit besteht lediglich in dem Kapitel über die Beziehungsgeflechte in den Anstalten, weil – unter dem Hinweis auf die Quellenlage zu den untersuchten Einrichtungen – die Rolle und Sichtweise des Pflegepersonals unberücksichtigt bleibt. So finden sich hierzu lediglich ganz wenige Aussagen, darunter der knappe Hinweis, dass dem „Wartpersonal“ die Aufgabe zukam, „die Anweisungen des Direktors auszuführen und Rückmeldung zu erstatten“ (S. 224). Sieht man hiervon einmal ab, können alle, die sich für Medizingeschichte im Allgemeinen und die Psychiatriegeschichte im Speziellen interessieren, den opulenten Band fruchtbringend zur Hand nehmen.

Qualitätsniveau I.: <BR>Mobilität und Sicherheit bei Menschen mit demenziellen Einschränkungen in stationären Einrichtungen (Rezension)
Qualitätsniveau I.: Mobilität und Sicherheit bei Menschen mit demenziellen Einschränkungen in stationären Einrichtungen (Schäufele, Martina et al.)Economica Verlag, Heidelberg, 2008, 77 S., 19.00 €, ISBN 978-3-87081-599-8 Rezension von: Sven Lind Im Rahmen des Qualitätssi