Heilung mit Defekt |
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Der Zeitraum von den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis in die 1870er Jahre umfasst bekanntlich die Etablierungsphase der Psychiatrie in Deutschland an den Irrenanstalten sowie die ersten Jahre der sich formierenden Universitätspsychiatrie. Zwei Themen bereiteten den Psychiatern gegenüber ihren Medizinerkollegen damals besondere Schwierigkeiten: zum einen die Klassifikation der verschiedenen psychischen Störungen, zum anderen deren Prognose. Zwar bestand bei der Klassifikation ein Minimalkonsens in der gebräuchlichen Einteilung in primäre und sekundäre Formen, dies konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine âwahrhaft babylonische Sprachverwirrungâ bei der Bezeichnung psychiatrischer Störungen gab und jeder Arzt unter den verschiedenen Bezeichnungen etwas anderes verstand, da Begriffe wie âSymptomkomplexeâ und âKrankheitsformâ nicht voneinander unterschieden wurden. So bezeichnete etwa Pfarrer Dauzenberg 1863 den Entlassungsstatus von Johanna Elisabeth R. aus der zeitgenössisch renommierten Irrenheilanstalt Siegburg bei Bonn als âHeilung mit Defektâ. Was aber hieà es im 19. Jahrhundert, ein âheilbarerâ, was ein âunheilbarerâ Fall zu sein? Wie kam es bei den Anstaltspatienten zur Aufnahme, wie wurden die Betroffenen in den Institutionen behandelt und was passierte nach ihrer Entlassung? Ausgehend von der These, dass der Mythos der Heilbarkeit als ärztliches Legitimationsmittel eng mit der âGeburtâ der Psychiatrie verbunden ist, beschäftigt sich mit diesen Fragen die Diplom-Psychologin und Historikerin Salina Braun in der vorliegenden Studie âHeilung mit Defektâ aus verschiedenen Perspektiven: aus der Sicht der Ãrzte, der Geistlichen, der Patienten und ihren Angehörigen.
Grundlage ihrer Untersuchung, die als Dissertation im Rahmen der International Max-Planck-Research-School âWerte und Wertewandel von Mittelalter bis Neuzeitâ des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen, der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, des Zentrums für Mittelalter- und Frühneuzeitforschung der Georg-August-Universität Göttingen und des Seminars für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen entstand, bilden zwei repräsentative Heil- und Pflegeanstalten: die rheinische Irrenheilanstalt Siegburg bei Bonn und das traditionsreiche hessische Hohe Hospital Hofheim bei Darmstadt. Gestützt auf die Auswertung von überlieferten Krankenakten gewährt die Autorin dabei tiefe Einsichten in das Aufnahme- und Entlassungsgeschehen, aber auch Binnensichten in den Anstaltsalltag. Darüber hinaus stellt sie anschaulich den Wandel von Krankheitskonzepten und Behandlungsmethoden vor, ebenso wie die Beharrungskraft der Praxis.
Der Aufbau der beeindruckenden und mit einem soliden Anmerkungsapparat ausgestatteten Studie gestaltet sich derart, dass die Autorin nach einem ausführlichen Einleitungsteil zunächst einen Ãberblick über die zeitgenössisch psychiatrisch-disziplinäre Entwicklung vor dem Hintergrund der Ausgangsfragen Wahrnehmung sowie Umgang und Behandlung mit psychisch abweichendem Verhalten gibt, wobei sie insbesondere die Krankheitsauffassung und -klassifikation der für diese Arbeit relevanten Fachvertreter, der leitenden Anstaltsärzte und ihrer Assistenten, berücksichtigt. In dem daran anschlieÃenden dritten Kapitel rückt sie die Anstalten als Institution in den Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei bettet sie deren Ausgangslage und Entwicklung in den breiteren Kontext der zeitgenössischen Versorgungsstruktur ein und beleuchtet diese vor dem Hintergrund der fachinternen Debatten, aber auch der jeweiligen politischen Verhältnisse im GroÃherzogthum Hessen und den preuÃischen Rheinprovinzen. Im vierten Kapitel untersucht sie die gesellschaftliche Funktion der beiden Institutionen, wobei sie hinsichtlich der Einweisungspraktiken sowie im Kontext der Entlassungen gesellschaftliche Toleranzgrenzen und âBewältigungsâ-Strategien im Umgang mit psychisch Auffälligen auslotet. In den Blick kommen dabei auch die einzelnen am Einweisungsgeschehen beteiligten Akteure und ihr Verhältnis unter- und zueinander. Im Zentrum des fünften Kapitels steht die Analyse der Beziehungsstruktur in den Anstalten selber. Hierbei geht es der Autorin vor allem um die Betrachtung des Spannungsverhältnisses zwischen idealtypischen ärztlichen Entwürfen des Zusammenlebens und der âHeilungâ einerseits und der Alltagswelt in den Anstalten andererseits. Im sechsten Kapitel wendet sie sich dann â vor dem Hintergrund zeitgenössischer Krankheitskonzepte von Laien und Ãrzten â der eigentlichen Behandlungspraxis zu, wobei sie auch die Ansichten und Praktiken in der häuslichen Sphäre vor der Einweisung mit denen in der Anstalt vergleicht und auf Ãhnlichkeiten beziehungsweise Divergenzen hin untersucht. Im siebten und abschlieÃenden Kapitel nimmt sie schlieÃlich Ãberlebensstrategien in der Anstalt in den Blick, darunter auch bestimmte Verhaltensmuster der Patienten als Reaktion auf ihre Asylierung.
Salina Braun hat eine wichtige Untersuchung vorgelegt, die jenseits einer Institutionengeschichte wertvolle Erkenntnisse über die psychiatrische Praxis beziehungsweise das âInnenlebenâ von zwei Irrenheilanstalten im 19. Jahrhundert liefert. Eine gewisse Einschränkung der vorliegenden Arbeit besteht lediglich in dem Kapitel über die Beziehungsgeflechte in den Anstalten, weil â unter dem Hinweis auf die Quellenlage zu den untersuchten Einrichtungen â die Rolle und Sichtweise des Pflegepersonals unberücksichtigt bleibt. So finden sich hierzu lediglich ganz wenige Aussagen, darunter der knappe Hinweis, dass dem âWartpersonalâ die Aufgabe zukam, âdie Anweisungen des Direktors auszuführen und Rückmeldung zu erstattenâ (S. 224). Sieht man hiervon einmal ab, können alle, die sich für Medizingeschichte im Allgemeinen und die Psychiatriegeschichte im Speziellen interessieren, den opulenten Band fruchtbringend zur Hand nehmen.