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Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt<br> Töchter und der Tod der Mutter (Rezension)

Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt Töchter und der Tod der Mutter (Strobl, Ingrid)Verlag Wolfgang Krüger, Frankfurt, 2002, 3. Aufl., 272 S., 22,90 € - ISBN 3-8105-1920-0; S. Fischer, Frankfurt, 2004, 272 S. 9,90 € - ISBN 3-596-15431-6Rezension von: Wiltraut Bauknecht
May 25, 2013 by
Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt<br>
Töchter und der Tod der Mutter 
 (Rezension)
Andreas Lauterbach

Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt
Töchter und der Tod der Mutter (Strobl, Ingrid)

Verlag Wolfgang Krüger, Frankfurt, 2002, 3. Aufl., 272 S., 22,90 € - ISBN 3-8105-1920-0; S. Fischer, Frankfurt, 2004, 272 S. 9,90 € - ISBN 3-596-15431-6

Rezension von: Wiltraut Bauknecht

Kann die Auseinandersetzung mit diesem spezifischen Thema einer Leserin Erkenntnisse vermitteln, die sie sonst nicht erlangen kann? Ist es also für Töchter wichtig, dieses Buch zu lesen? Und ist es besser, dieses Wissen zu haben, bevor oder nachdem die eigene Mutter stirbt?

Für die Autorin war die eigene Erfahrung Anlass, sich allgemeiner mit diesem Thema zu be-schäftigen. Dazu interviewte sie 20 Frauen zwischen 43 und 79 Jahren. Beinahe alle hatten studiert, waren berufstätig und lebten in Großstädten - ob eine größere Zahl von Befragten und eine breitere soziologische Schichtung andere Ergebnisse ergeben hätte, muss offen blei-ben. Die vorliegende Veröffentlichung kann nicht den Anspruch einer repräsentativen Unter-suchung zu dem Thema erheben; es handelt sich vielmehr um eine sehr persönliche Ausei-nandersetzung der Autorin und ihrer Interviewpartnerinnen mit einer existenziellen Situation.

Die einleitende Zusammenstellung der Entwicklung der Mutter-Tochter-Beziehung, die ja auch Gegenstand feministischer und psychologischer Literatur der letzten Jahrzehnte war, zeigt auf, dass das Bündnis zwischen Müttern und Töchtern über Jahrhunderte funktionsfähig war. Erst mit der beginnenden Industrialisierung wurde das Verhältnis nach und nach schwie-riger und ist heute von einem hohen Grad an Ambivalenz geprägt, wobei von Kultur zu Kul-tur unterschiedlich ist: Amerikanische Mütter und Töchter gingen liebe- und verständnisvoller miteinander um.

Diesem kurzen - auch in seinen Begründungen nicht sehr tief gehenden zeitlichen Abriss folgt das interessante Kapitel über den Tod der Mutter in der Literatur. Wie die Beziehung zwi-schen erwachsenen Töchtern und Müttern ist dies ein selten behandeltes Thema. Der Bogen reicht von Else Lasker-Schüler über Verena Stefan und Luise Michel (eine Frauenrechtlerin) bis (natürlich) zu Virginia Woolf, Nelly Sachs und Simone de Beauvoir. In sehr dichter, kom-pakter Form wird vor Augen geführt, wie sehr Charakter, Zeit- und gesellschaftliche Bedin-gungen und Begabungen auch die Mutterbeziehung prägen und im Schaffen der Frauen ihren Niederschlag finden. Die portraitierten Frauen waren wortmächtig genug, diesen Erfahrungen einen angemessenen und gültigen Ausdruck zu verleihen. Berührend ist die Geschichte von Nelly Sachs, die im Exil in Schweden unter ärmlichsten Bedingungen symbiotisch mit der Mutter verbunden war und in Geschichten diese Beziehung immer neu umschrieb. Für alle gilt was eine Nichte von Virginia Woolf übereinstimmend mit dieser erklärte: "Es gibt ein weibliches Erbe, das jeweils die Mutter auf die Tochter überträgt, die es annehmen, aber nicht einfach ablehnen kann. Sie kann sich damit auseinander setzen und über sich selbst auch in den Kategorien dieser Erfahrung nachdenken."

Der sich anschließende Bericht der Autorin über den Tod ihrer Mutter belegt den Ausspruch der de Beauvoir, dass man existenziellen Situationen nicht rational beikommt und es auch nicht muss. Am ehesten kann ihnen mit Bezogenheit, Liebe und Achtung begegnet werden. Der Bericht ist eine Ermutigung, dies zu wagen.

Bei den nun folgenden Interviews liegt der Schwerpunkt auf einer thematischen Anordnung der Aussagen, wie Sterben, Tod und Abschied, Leiche und Begräbnis usw. Dies erschwert der Leserin aber die Orientierung und Teilnahme am individuellen Schicksal. Da die meisten Frauen zuerst mit ihrem Werdegang sehr persönlich vorgestellt werden und ihre Mütter auch in sehr unterschiedlichen Lebensphasen verloren haben (zwischen 10 und 60 Jahren), würde man die einzelnen Aussagen doch lieber vor diesem lebensgeschichtlichen Hintergrund bezo-gen lesen als fragmentiert zu den einzelnen Themen.

Bei aller individuellen Unterschiedlichkeit lässt sich auch Gemeinsames erkennen. Obwohl die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern ein "emotionales Minenfeld" und höchst am-bivalent ist, ist bei beinahe Allen Rührung, Mitleid und Hoffnung auf Aussöhnung zu spüren. Die Nähe in der Sterbephase und beim Tod der Mutter zwingt die Töchter noch einmal in eine intensive Auseinandersetzung, an deren Ende oft steht, dass die Mutter nicht mehr nur als Mutter, sondern auch als Person wahrgenommen wird. Erst ein besseres Verständnis ihrer Entwicklung lässt einen versöhnlicheren Blick zu.

Das Buch führt vor Augen, dass der Blick auf die Mutter den Blick auf uns selbst als Frauen schärft; denn: "Das Verständnis für die Frau, die unsre Mutter war, kann uns zu einem neuen Verständnis unserer selbst führen." Diese Erkenntnis ist nicht umstürzend neu, könnte aber eine Ermunterung sein, wenn die Mutter noch lebt, mit ihr das Gespräch zu suchen. Töchter, die die Erfahrung des Todes der Mutter schon gemacht haben, werden sich in vielen Aussagen wieder- und darin aufgehoben finden - so wie auch im Titel des Buches: Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt.

Interne Fortbildung in der Pflege<br> Schulungsunterlagen für Altenpflege, ambulante Pflege und Krankenhaus (Rezension)
Interne Fortbildung in der Pflege Schulungsunterlagen für Altenpflege, ambulante Pflege und Krankenhaus (Sturm, Bärbel und Füg, Lydia (Hrsg.))Spitta-Verlag, Balingen, 2002 (Loseblattsammlung), ca 260 S. + CD, 98,00 € - ISBN 3-934211-30-5Rezension von: Paul-Werner Schreiner D