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Im Rücken steckt das Messer<br> Geschichten aus der Gerichtsmedizin (Rezension)

Im Rücken steckt das Messer Geschichten aus der Gerichtsmedizin (Bankl, Hans)Kremayr&Scheriau, Wien, 2001, 255. S., 2. Aufl., 19,00 € - ISBN 3-218-00692-9Rezension von: Paul-Werner Schreiner Der Tod gilt gemeinhin als eine sehr ernste Sache, mit der und über die man keine Späße
May 25, 2013 by
Im Rücken steckt das Messer<br>
Geschichten aus der Gerichtsmedizin (Rezension)
Andreas Lauterbach

Im Rücken steckt das Messer
Geschichten aus der Gerichtsmedizin (Bankl, Hans)

Kremayr&Scheriau, Wien, 2001, 255. S., 2. Aufl., 19,00 € - ISBN 3-218-00692-9

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Der Tod gilt gemeinhin als eine sehr ernste Sache, mit der und über die man keine Späße macht. Das hindert jedoch unendlich viele Menschen nicht daran, die Geschehnisse um das Sterben von - allerdings stets anderen - Menschen als Unterhaltung zu konsumieren, sei es als Buch, im Fernsehen oder im Kino; Dr. Quincy erfreut sich weithin größter Beliebtheit. Dieser Konsum des Sterbens von Menschen steht in einem unübersehbaren Widerspruch zu der ansonsten zu beobachtenden Verdrängung aus bzw. Tabuisierung des Sterbens in dem gesellschaftlichen Alltag. Das Sterben als Unterhaltung ist wohl nur unter der sicheren Annahme erträglich, daß die Gestorbenen auf jeden Fall weiterleben. Den meisten Konsumenten der Geschehnisse um das Sterben von Menschen fällt vielleicht auch deshalb nicht auf, daß die dargestellten Umstände in der Regel höchst unrealistisch sind.

Dazu im Kontrast steht das vorliegende Buch. Ein ganz realer Dr. Quincy, der Wiener Pathologe Hans Bankl, erzählt aus 40 Jahren Tätigkeit in der Gerichtsmedizin. Dabei sind es jedoch nicht nur die mitunter kuriosen und vergnüglichen Begebenheiten, die sich da im Zusammenhang mit Gewalttaten ereignen (der Buchtitel zeugt davon: ein Polizist muß den einen natürlichen Tod feststellenden Arzt darauf aufmerksam machen, daß der Verblichene ein Messer im Rücken stecken hat), die das Buch außerordentlich lesenswert machen.

Der Leser erfährt in den ersten Abschnitten viel Wissenswertes über die Gerichtsmedizin und ihre Entwicklung - auch Winnetou habe seziert - bis hin zu der High-Tech-Wissenschaften, die sie heute ist. Breiter Raum in der Darstellung Bankls nimmt die Misere der Totenbeschau und die dabei zu konstatierenden Fehler ein, die, da immer weniger Obduktionen vorgenommen werden, immer seltener aufgedeckt werden, ein Problem sicher nicht nur in Österreich - in dem blöden Spruch, daß im Gegensatz zum Internisten, der zwar alles weiß, aber nichts kann, und dem Chirurgen, der zwar alles kann, aber nichts weiß, sowie dem Psychiater, der nichts kann und auch nichts weiß, der Pathologe alles weiß und alles kann, aber immer zu spät kommt, scheint danach doch ein Funken Wahrheit zu stecken. Den Ausführungen Bankls in dem ersten Teil des Buches ist so auch viel Kenntnisreiches über das Wesen der Medizin als Wissenschaft zu entnehmen.

Unmittelbar das Geschehen in der Gerichtsmedizin betreffend sind dann

  • Ausführungen zu den Bedingungen des perfekten Verbrechens (Der perfekteste Mord ist der von einem Gerichtsmediziner verübte, welcher dafür sorgt, daß er zur Obduktion der Leiche bestellt wird.) - Lyotard könnte hier noch einiges lernen.
  • Erwägungen zu berühmt gewordenen Selbstmorden - angefangen bei Antonius und Kleopatra über Vincent van Gogh und Ernest Hemingway bis hin zu Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe
  • Berichte und Anmerkungen zum Einsatz diverser Gifte
  • zum Schmunzeln anregende Berichte über "Neues vom Geschlechtsverkehr".

Interessant sind Ausführungen über die durch (Spitzen-)Sport entstehenden Schäden - eher vergnüglich dabei die Möglichkeit, sich auch beim Golfen Schäden zuzufügen - sowie über neue Todesursachen - "Sterben im Flugzeug" und "Wenn der Busen zu groß wird".

Vom Feinsten sind Bankls bissige Anmerkungen zu den Kollegen im Fernsehen. Dabei geht er nicht nur mit den Ärzten, die in Informationssendungen auftreten, hart ins Gericht - es wundert, daß er nicht über den Morbus Mohl zu berichten weiß, der vor einigen Jahren an bestimmten Vormittagen in vielen deutschen Arztpraxen endemisch auftrat -, sondern auch mit nahezu allen abendlichen Nonsens-Serien aus dem Weißkittelmilieu; ein besonderes Augenmerk richtet Bankl verständlicher Weise auf seine eigene Zunft. Quincy und Dr. Graf in "Kommissar Rex" gesteht der erfahrene Gerichtsmediziner immerhin respektable Rollen zu. Ansonsten konstatiert er, daß viele Krimis ohne Gerichtsarzt auskommen (Colombo, Bulle von Tölz); und da, wo ein Gerichtsmediziner auftrete, habe dies häufig mit der Realität nichts zu tun; der Autor wüßte z.B. zu gerne, ob es jemand auffallen würde, wenn der Gerichtsmediziner in "Der Alte" statt der seit 18 Jahren vorgetragenen stereotypen Sätze "Der Tod ist vor etwa zwei Stunden eingetreten. Näheres, wie immer erst nach der Obduktion" einmal sagen würde "Leo, die Leiche ist tot." Aber - der größte Unfug scheint steigerungsfähig zu sein: "Eine Mischung aus Groteske und Krimi wird es allerdings dann, wenn jemand als Gerichtsmediziner auftritt, dem durch sein Wirken im Fernsehen sonst eher die Unterhaltung der harmlosen Gemüter zukommt. So geschehen am 29. Oktober 2000, als in der ARD in einem Tatort der Volksmusikant Karl Moik einen Gerichtsarzt spielte. Einer wurde allerdings vermißt: Hansi Hinterseer als Leiche."

"Im Rücken steckt das Messer" ist ein lehrreiches und gleichzeitig vergnügliches Buch; es sei zur Lektüre wärmstens empfohlen.

Häusliche Pflege heute (Rezension)
Häusliche Pflege heute (Baumgard, Luitgard, Reinhard Kirstein und Rainer Möllmann (Hrsg.))Urban und Fischer Verlag. München, Jena 2003, 1429 Seiten, gebunden, 69,95 Euro. ISBN 3-437-26600-4Rezension von: Dr. Hubert. Kolling Spätestens mit der Einführung der Pflegeversicherung