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Leben - Sterben - Euthanasie (Rezension)

Leben - Sterben - Euthanasie (Bonelli, J. und E. H. Prat (Hrsg.))Springer-Verlag, Wien, 2000, XI, 178 Seiten, 49,00 DM, ISBN 3-211-83525-3Rezension von: Paul-Werner Schreiner Seit Ende der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist dem Menschen die sichere Grenze des Lebensendes
May 25, 2013 by
Leben - Sterben - Euthanasie (Rezension)
Andreas Lauterbach

Leben - Sterben - Euthanasie (Bonelli, J. und E. H. Prat (Hrsg.))

Springer-Verlag, Wien, 2000, XI, 178 Seiten, 49,00 DM, ISBN 3-211-83525-3

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Seit Ende der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist dem Menschen die sichere Grenze des Lebensendes, die über lange Zeit durch den Atemstillstand und den in der Regel bald darauf folgenden Kreislaufstillstand gekennzeichnet war, abhanden gekommen. Der Wegfall der sicheren Grenze am Lebensende bedingt Orientierungslosigkeit und Unsicherheit, die vor allem bei den Menschen zu beobachten ist, denen die Betreuung der Menschen an ihrem Lebensende überantwortet wird. Es ist aber nicht nur der Wegfall der sicheren Grenze am Lebensende, der verunsichert; es kamen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts noch zwei Gegebenheiten verschärfend hinzu:
  • Zum einen hat die Medizin eine Entwicklung genommen, die den Eindruck aufkommen ließ - selbstverständlich nur eine Suggestion -, daß Ärzte alles machen können, vor allem, daß der Tod eigentlich nur ein Problem noch nicht gelöster Fragen bzw. nicht vorhandener Mittel ist. Dies hatte zur Folge, daß die Forderung aufkam, Ärzte mögen doch bitte dann, wenn sie zum aktuellen Zeitpunkt nichts mehr machen können, den betroffenen Menschen auf seinen Wunsch hin von seinem Leiden erlösen (Tötung auf Verlangen).
  • Eben diese Medizin wurde immer teurer, was erhebliche Probleme hinsichtlich der Finanzierung der Gesundheitsversorgungs- und - in Kombination mit dem Anstieg des Anteils alter Menschen an der Bevölkerung - der gesamten Sozialsysteme zur Folge hatte und hat. In diesem Kontext entstand wieder eine vielfach überwunden geglaubte Diskussion über den Lebenswert respektive -unwert, verbunden mit der Forderung, als unwert angesehene Menschen von ihrem vorgeblich nicht mehr der Menschenwürde entsprechenden Dasein zu erlösen (Euthanasie, Tötung ohne Verlangen).

Daß die Probleme sich nicht einfach dadurch lösen lassen, daß man mit Verweis auf die Verbrechen der Nationalsozialisten gegen Euthanasie ist, wissen diejenigen, die in den medizinischen Institutionen, in welcher Funktion auch immer, tätig sind - wenn sie denn den Gedanken überhaupt an sich heranlassen -, nur zu gut. Viele Menschen, die damit nicht täglich unmittelbar konfrontiert sind, erfahren dies häufig erst in dem Moment, in dem sie das Sterben eines nahen Menschen in den Mühlen medizinischer Institutionen miterleben müssen.

Die so entstandene Verunsicherung hat auf der einen Seite zu einer stetig zunehmenden Beschäftigung mit dem Thema "Sterben und Tod" geführt - da sind zum einen eine schier unüberschaubare Flut von Publikationen und zum anderen eine Vielzahl von Veranstaltungen; gar nicht selten wird eine Veranstaltung in Buchform dokumentiert; vermutlich ist die Unsicherheit auch der Grund dafür ist, daß sowohl die Veranstaltungen besucht als auch die Bücher gekauft werden. Allerdings kann man sich mitunter nicht des Eindruckes erwehren, daß die Unsicherheit in dem gleichen Maße zunimmt wie die Zahl der Veranstaltungen und Publikationen. Auf der anderen Seite entstand, getragen von Menschen, die mit dem Problem konfrontiert sind, eine soziale Bewegung, die sich für eine andere Kultur des gesellschaftlichen Umgehens mit Sterben und Tod einsetzt (Hospizbewegung).

Auch das vorliegende Buch ist Ergebnis der beschriebenen Entwicklung; es handelt sich um die Dokumentation einer Veranstaltung, die im Frühjahr 2000 von vier Institutionen Österreichs - Aktion Leben, Institut für Ehe und Familie, Katholischer Familienverband Österreichs, Imabe-Institut - ausgerichtet wurde.

Nach Grußworten des Alterzbischofs von Wien, Kardinal Franz König, und des österreichischen Bundesministers für Umwelt, Jugend und Familie, Dr. Martin Bartenstein, sind die Beiträge des Buches drei Bereichen zugeordnet - man darf annehmen, daß in dieser Einteilung die Struktur der Tagung wiederspiegelt:

  • Sterbehilfe und Sterbebegleitung in der Theorie
    Die an der Technischen Universität Dresden lehrende Religionsphilosophin gibt einen interessanten kultur- und philosophiegeschichtlichen Überblick über die Ars moriendi. Diesem stellt der emeritierte Erlanger Rechtsmediziners Bernhard Wuermeling zum Nachdenken anregende Überlegungen zu einer Ars dimittendi gegenüber - einer vom Arzt zu erlernenden Kunst des Loslassens. Wuermeling geht dabei nicht nur auf die heikle Frage der Unterscheidung zwischen Töten und Sterbelassen ein, sondern stellt im Zusammenhang mit den von ihm für unab-dingbar erachteten Vorausverfügungen und Bevollmächtigungen heraus, daß der Arzt durch solche Verfügungen nicht aus seiner Verantwortung entlassen ist. Es schließen sich in dem ersten Teil Ausführungen zu "Unantastbarkeit des Lebens - Grenzen der Selbstbestimmung" (G. Pöltner), "Der Schutz des Menschenlebens aus theologisch-ethischer Sicht" (G. Virt), "Zur Frage der Selbstbestimmung - Gibt es ein Recht darauf, sich selbst töten zu lassen oder auf Verlangen getötet zu werden?" (E. H. Prat) an. In dem letzten Beitrag des ersten Teil formuliert Anselm W. Müller, Forschungsstelle für aktuelle Fragen der Ethik an der Philosophischen Fakultät der Universität Trier, acht Thesen zum Thema "Ärztliche Hilfe", die sich um die Frage der Lebens- oder Sterbeverlängerung drehen.

  • Sterben und Sterbehilfe in der medizinischen Praxis
    In den Beiträgen dieses Abschnittes setzen sich Internisten der Wiener Universitätsklinik mit den Möglichkeiten der Palliativmedizin, der Frage des assistierten Selbstmordes bei unheilbar kranken Krebspatienten, der Problematik des Einsatzes extensiver Apparatemedizin bei infauster Prognose sowie der Frage nach natürlichem Sterben versus Lebensverlängerung auseinander.
    Ein Unfallchirurg fragt danach, ob es eine unzumutbare Lebensqualität gibt. Er stellt abschließend fest: "Zusammenfassend kann gesagt werden, daß es natürlich Zustände gibt, in denen man die Lebensqualität eines Patienten als unzumutbar bezeichnen könnte. Es ist nur die Frage, für wen die Situation unzumutbar ist und wer sie dennoch für zumutbar hält. Die Entscheidung darüber kann nur der Mensch für sich selbst treffen und auch die Konsequenzen ziehen. Die Einschätzung durch Familienmitglieder, Berater oder andere Außenstehende ist nicht durch Fachwissen untermauert und viel zu leicht von persönlichen und ökonomischen Gründen geprägt. Die Fremdentscheidung über Zumutbarkeit oder Unzumutbarkeit einer verminderten Lebensqualität ist daher unzulässig. Wenn der Patient seinen Zustand nicht beurteilen kann, ist eine Entscheidung über die weitere Behandlung lediglich im Gespräch zwischen den behandelnden Ärzten und dem Pflegepersonal herbeizuführen. ...Wenn ein Patient seinen Zustand erkennt und sich mitteilen kann, dann sind alle medizinischen, sozialen und menschlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, über die wir in unserem reichen Land verfügen. Ihn einfach umzubringen sollte für den Patienten und für die Gesellschaft noch unzumutbarer sein. Sollten aber in einem Krankenhaus tatsächlich Menschen unter Schmerzen und Angst zugrunde gehen, dann gehört dort nur der Primarius (Chefarzt) ausgetauscht. Eine Gesetzesänderung ist dazu nicht notwendig."
    Sehr interessant ist ein kritischer Beitrag zur der Sterbehilfe in Holland.

  • Sterbebegleitung in der Praxis.
    Es werden verschiedene Hospizinitiativen in Österreich vorgestellt.
    Angesichts der Fülle von Veröffentlichungen zum Thema kann nicht erwartet werden, daß fortwährend vollkommen neue Aspekte eröffnet werden. So wird der mit dem Thema einschlägig Befaßte vieles auch an anderer Stelle schon einmal Gesagte finden, aber auch einiges Neue. Das schmälert nicht den Wert des Buches. Es kann dank seiner breiten thematischen Fächerung auch als Einstieg in die komplizierte Thematik empfohlen werden.
Patientenautonomie und Pflege <br> Begründung und Anwendung eines moralischen Rechts (Rezension)
Patientenautonomie und Pflege Begründung und Anwendung eines moralischen Rechts (Bobbert, Monika)Verlag Campus, Frankfurt, 2002, Reihe Kultur der Medizin Bd.5, 380 S., 29,90 € - ISBN 3-593-37128-6Rezension von: Irmgard Hofmann Ethik in der Pflege ist - zumindest in Deutschland