
Osterbrink, J. und F. Androsch
Gewalt in der Pflege
Wie es dazu kommt – Wie man sie erkennt – Was wir dagegen tun können
Verlag C.H. Beck, München, 2015, 240 S., 16,95 €, ISBN 978-3-406-68168-4
Gewalt in der Pflege
Wie es dazu kommt – Wie man sie erkennt – Was wir dagegen tun können
Verlag C.H. Beck, München, 2015, 240 S., 16,95 €, ISBN 978-3-406-68168-4
Auf der U4 des vorliegenden Buches ist zu lesen: „Gewalt in der Pflege ist weit verbreitet, doch noch immer ein Tabuthema.“ Damit wird die meisten Publikationen zu dem Thema eingeleitet. Es mag weitgehend stimmen, was weiter ausgeführt wird, dass nämlich nur die extremen Fälle in Schlagzeilen kommen, aber viel zu häufig weggeschaut und geschwiegen wird. Aber ist Gewalt in Pflegebeziehungen wirklich ein Tabu? Unter der Voraussetzung, dass gelesen wird – und diese Annahme darf man bei der Veröffentlichung eines Buches unterstellen –, stimmt diese Aussageso nicht. In dem Bücherregal des Rezensenten nehmen alleine die Bücher zu diesem Thema einen guten Meter ein und eine von ihm gepflegte Literaturdatenbank zum Thema „Gewalt in Pflegebeziehungen“ umfasst alleine aus deutschsprachigen pflegespezifischen Publikationen etwa 350 Datensätze (http://www.pflegemagazin.de/care/gewalt.php) - und es kommen ständig neue hinzu. Das Thema ist heikel, niemand befasst sich damit gerne – aber ein Tabuthema ist es zumindest innerhalb der Pflege nicht. Nun ist es selbstverständlich nicht illegitim, über Themen zu publizieren, zu denen schon viel geschrieben wurde, sei es, dass vorhandenesWissen kritisch gewürdigt wird, sei es, dass neue Kenntnisse hinzugefügt werden – davon lebt das Wissenschaftssystem in den entwickelten Industrieländern. Das vorliegende Buch soll hinsichtlich dieser beiden Gesichtspunkte betrachtet werden.
Nach der Einleitung ist das erste Kapitel der Gewalt in der Pflege und ihrem Ausmaß gewidmet. Es werden zunächst eine vollkommen willkürlich zusammengestellte Reihe von bekannt gewordenen Fällen an pflegerischer Mangelversorgung und Misshandlung aufgelistet. Leider muss angenommen werden, dass von diesen Missständen nur die Spitze des Eisbergs bekannt wird, aber sie können aufgearbeitet und geahndet werden. Die Autoren hätten den dem Kapitel vorangestellten Satz von Erich Fried – „Die Gewalt nicht anfängt, wenn Kranke getötet werden. Sie fängt an, wenn einer sagt ‚Du bist krank: du musst tun, was ich sage‘.“ – etwas intensiver nachgehen sollen. Im hinteren Teil des Buches wird zwar unter der Überschrift „Ursachen und Hintergründe von Gewalt in der Pflege“ durchaus sachgemäß von der Pflege als grenzüberschreitender Dienstleistung am Menschen, von der Intimität der Pflege als Belastung (hier wird zudem die Gewalt von Pflegenden mit der an Pflegenden in nicht adäquater Weise vermengt) und der Belastung durch Alter und Tod sowie Krankheit und Leid gesprochen. Die Betrachtung bleibt aber an der Oberfläche. Die zahlenmäßig bei Weitem größte Zahl an Gewaltaktionen an Pflegebedürftigen, über die selten– auch in dem Buch überhaupt nicht – gesprochen wird, erfolgt im Kontext der Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme. Es wird darüber auch deshalb nicht gesprochen, weil, gesellschaftlich gewollt und (in Deutschland) von Heimaufsicht und MDK exekutiert, eine Norm gilt, wonach der Mensch nur wohl gewässert und ernährt sterben darf. Es wäre hier kritisch zu diskutieren, inwieweit dies grundsätzlich angesichts der Tatsache, dass der Mensch Teil der Natur ist, angemessen ist. Weiter wäre zu diskutieren, ob wir vor dem Hintergrund, dass seit dem 18. Jahrhundert dem Selbstbestimmungsrecht ein hoher Stellenwert beigemessen wird, gesellschaftlich ein angemessenes Umgehen mit dem Nicht-mehr-Wollen eines alten Menschen haben – und ob wir dies auch einem Menschen mit Demenz zugestehen; das Zupetzen des Mundes ist sehr wohl eine Willenserklärung, und es wäre kritisch zu prüfen, inwieweit es angemessen ist, diese Willensbekundung bei einem Menschen mit Demenz in jedem Falle als nicht maßgeblich zu bewerten.
Dass die Erfahrung von Alter und Tod, von Krankheit und Leid belastend ist, ist zunächst einmal normal und gehört zum Wesen des Menschen, der als einziges Lebewesen um seine Endlichkeit weiß. Auch ist es nicht über Gebühr verwunderlich, dass vor allem Menschen mit sehr hohem Alter von Gewaltaktionen betroffen sind – vielleicht sollten Behinderteneinrichtungen einmal etwas sorgfältiger unter die Lupe genommen werden. Dass das massierte Erleben von Alter und Tod, von Krankheit und Leid in einschlägigen Einrichtungen die Belastung erhöht, wird anzunehmen sein. Das eigentliche Problem entsteht aber aus einem anderen Grund – und dieser bleibt in den Ausführungen des Buches außen vor. Die Pflegenden sind keine kleinen ETs, sondern Mitglieder einer Gesellschaft, zu deren Leitprinzipien Leistung und Funktionieren gehören – auch sie haben die Leitprinzipien via Sozialisation internalisiert. Krankheit, Leid, Alter und Tod sowie auch Behinderung laufen diesen Leitprinzipien diametral zuwider. Die Gesellschaft erwartet nun von den Pflegenden, dass sie das, was gesellschaftlich nicht gewollt ist, geräuschlos managen, d. h., dass sie die internalisierten Leitprinzipien in ihrem beruflichen Tun über Bord werfen. Und die Gesellschaft erwartet, dass dies unter Bedingungen geleistet wird, die von Jahr zu Jahr bedrückender werden – der personellen Unterbesetzung ist in dem Buch ein kleiner Abschnitt gewidmet. Es ist aber nicht nur die quantitative Unterbesetzung – es sei hier an die unselige Diskussion über die Fachkraftquote erinnert; in manchen Heimeinrichtungen sind alte Menschen nur deshalb verwirrt, weil sie mit den polnischen und ungarischen Pflegehilfskräften nicht kommunizieren können. Schließlich kommt hinzu, dass die Pflegefachkräfte in vielen Heimeinrichtungen schlechter bezahlt werden als im Krankenhaus. Und es gibt zumindest in Deutschland Stimmen, die für eine Abschaffung der Heime plädieren, was auf eine Diskriminierung dieser Einrichtungen hinausläuft, womit in Anlehnung an Thure von Uexküll die dort Tätigen gleich mit diskriminiert werden.
Mit diesen Erwägungen kann keine Gewaltaktion gerechtfertigt werden. Sie können aber Teil einer Begründung sein und sind aber im Hinblick auf zu diskutierende Lösungsansätze von Bedeutung, vor allem auch vor dem Hintergrund der zu erwartenden demografischen Entwicklung, der die Autoren einen angemessenen Raum einräumen. Die in diesem Zusammenhang bedeutsame Entwicklung der High-Tech-Medizin am Lebensende findet Erwähnung, wird jedoch nicht in der notwendigen Weise problematisiert. Dass Pflegende in den Kliniken nicht selten von Ärzten angeordnete Maßnahmen durchführen müssen, die nicht nur für jeden unvoreingenommenen Betrachter sinnlos sind, sondern auch die zu Pflegenden quälen, findet keine Erwähnung. Was dies mit den Pflegenden macht, bleibt unberücksichtigt. Ist die Erfahrung der Sinnlosigkeit des eigenen Tuns vielleicht eine wesentliche Ursache für das vielfach beklagte Burnout bei den Angehörigen helfender Berufe.
Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Darstellung und Erörterung des Pflegeskandals in Wien-Lainz in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts – als exemplarischer Fall von Patiententötungen. Die Auswahl mag damit zusammenhängen, das Autoren als Pflegewissenschaftler und Juristin in Österreich tätig sind. Grundsätzlich kann sicher an dem gut aufgearbeiteten Fall von Patiententötungen in Wien Einiges aufgezeigt werden – aber nicht alles, was im Zusammenhang mit Patiententötungen von Bedeutung ist. In Wuppertal – Fall Michaela Roeder –waren Faktoren relevant, die in Wien keine Rolle spielten. Festzuhalten bleibt, dass Patiententötungen das absolute Extrem von Gewaltanwendung an zu Pflegenden darstellen, die Betrachtung von Gewalt in Pflegebeziehungen erschöpftsich aber darin nicht. Dies ist vielleicht ein Grundproblem der Anlage des Buches.
Die Betrachtung der Ereignisse in Wien fokussiert sehr stark auf die Täterinnen. Die strukturellen Gegebenheiten, unter denen die Taten erfolgten, hätten deutlicher herausgearbeitet werden müssen. Kaum Erwähnung findet, dass das besagte Klinikum außer einem Zentralbau aus einer Vielzahl in einem Park gelegenen Pavillons bestand. Die betreffende Station war in einem dieser Pavillons, einem Altbau, untergebracht. Die Patienten, die dort untergebracht waren, waren von Klinik erst in eine Langliegerstation und dann in diese „Endstation“ verlegt worden. Sie waren „austherapiert“. Das medizinische System, das den oben aufgezeigten Leitprinzipien der Gesellschaft folgt, hatte kein Interesse mehr an diesen Menschen. Entsprechend wurden sie in die Obhut minderqualifizierter Pflegekräfte gegeben, die damit allein gelassen wurden. Ärzte kamen nur noch selten zu einer Visite. Dies wird nicht in der nötigen Deutlichkeit dargestellt, auch nicht, dass die Taten nur deshalb so lange nicht entdeckt wurden, weil die Patienten für niemandem mehr von Interesse waren und – das muss zumindest gemutmaßt werden – die Verantwortlichen froh waren, dass sich mit jedem Verstorbenen ein Problem gelöst hatte.
Der starken Fokussierung auf die Täterinnen folgt, dass die zu ergreifenden Maßnahmen auch primär bei diesen ansetzen. Nun sind weder Qualifizierung noch Professionalisierung schädlich, ebenso wenig Supervision und Balintgruppen (im Gegenteil, sie sind wünschenswert) – aber das Problem wird sich damit nicht lösen lassen. Die Forderung einer Lobby für Alte ist schlicht albern. Provokativ gesprochen wirdsich erst dann die Chance einer Änderung ergeben, wenn eine Transformation des gesellschaftlichen Wertekodexes dazu führt, dass eine Pflegefachkraft in einem Heim immer mehr verdient als in einem Operationssaal.
Die Täterinnen von Wien wurden zu Recht verurteilt und aus dem Verkehr gezogen – das Gleiche gilt für alle anderen bekannten und noch bekanntwerdenden Täter. Man sollte sich aber davor hüten, anzunehmen, dass damit etwas zur Problemlösung beigetragen wird. Die Täter sind auch Opfer einer zutiefst unmenschlichen, die Gesellschaft bestimmenden Werteordnung.
Es lohnt durchaus das vergleichsweise preiswerte Buch zu lesen. Es bietet zwar nichts Neues, bereitet aber Bekanntes in angemessener Weise auf. Der Leser muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass weder das Thema „Gewalt in der Pflege“ noch die Extremform davon, die Tötung von Patienten durch Pflegende, erschöpfend behandelt werden.
Eine Rezension von Paul-Werner Schreiner