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Professionelle Werte pflegen 1910-2010 (Rezension)

Professionelle Werte pflegen 1910-2010 (Braunschweig, Sabine und Denise Francillon)Chronos Verlag. Zürich 2010, 254 S., gebunden, 31,00 €, ISBN 978-3-0340-1031-3Rezension von: Dr. Hubert Kolling Jubiläen geben immer wieder Anlass dazu, auf Vergangenes zurückzublicken und historis
May 25, 2013 by
Professionelle Werte pflegen 1910-2010 (Rezension)
Andreas Lauterbach

Professionelle Werte pflegen 1910-2010 (Braunschweig, Sabine und Denise Francillon)

Chronos Verlag. Zürich 2010, 254 S., gebunden, 31,00 €, ISBN 978-3-0340-1031-3

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Jubiläen geben immer wieder Anlass dazu, auf Vergangenes zurückzublicken und historische Ereignisse als Teil der eigenen Geschichte, der eigenen Identität zu begreifen und erneut gegenwärtig zu machen. So nahm der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) sein 100-jähriges Jubiläum zum Anlass, erstmals seine Verbandsgeschichte gründlich erforschen zu lassen. Die Stiftung Pflegewissenschaft Schweiz, die Schweizerische Ärztevereinigung FMH, das Schweizerische Rote Kreuz und die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften unterstützten das Projekt. Beauftragt wurden die Baseler Historikerin Sabine Braunschweig, die sich seit vielen Jahren mit verschiedenen Aspekten der Geschichte der Krankenpflege in der Deutschschweiz befasst, und Denise Francillon, Historikerin und Archivarin der Pflegeschule La Source in Lausanne, die bereits mehrere Forschungsprojekte in der französischsprachigen Schweiz durchgeführt hat, unter anderem zur Geschichte der Genfer Schule Bon Secours und zu Fragen der Forschung und Akademisierung der Pflege in der Schweiz.

Zu dem umfangreichen Jubiläumsband hat die Bundespräsidentin Doris Leuthard ein Grußwort beigesteuert, in dem sie unter der Überschrift "Von der Berufung zum Beruf" (S. 9-10) unter anderem auf den Mangel an Fachpersonal aufmerksam macht und - im Hinblick auf die demographische Entwicklung - unmissverständlich festhält: "Wir brauchen heute schon mehr Pflegefachpersonal als wir selber in der Schweiz ausbilden können. Bereits heute funktioniert unser Gesundheitssystem nur, weil wir neben den eigenen Fachkräften auf jährlich rund 2000 Personen aus dem Ausland zählen können. Diese Abhängigkeit kann auf Dauer keine Lösung sein. Es braucht Lösungen bei uns in der Schweiz!" (S. 9).

Zum inhaltlichen Spektrum des Buches, das vor allem auf der Auswertung der Protokolle des Zentralvorstands, der Jahresberichte und der Verbandszeitschrift beruht, schreiben Sabine Braunschweig und Denise Francillon in ihrem Vorwort: "Wir beleuchten Themen, mit denen sich der Berufsverband immer wieder befasst hat: die Berufsbildung, die Arbeitsbedingungen, das Verhältnis zum Schweizerischen Roten Kreuz, zum International Council of Nurses, zur WHO und der EU, die Zusammenarbeit mit Frauenorganisationen und die Stellungnahmen zu berufs-, frauen- und gesundheitspolitischen Themen in der Schweiz und auf internationaler Ebene" (S. 16).

Der großformatige Band "Professionelle Werte pflegen" - der gewählte Titel möchte das Leitmotiv der hundertjährigen Verbandsarbeit des SBK zum Ausdruck bringen - gliedert sich in die folgenden vier großen Kapitel:

  • I. Gründung, Entwicklung und Festigung der Wette 1910-1944
  • II. Krisenzeiten 1939-1945
  • III. Mit Elan der Professionalisierung entgegen 1945-1978
  • IV. Die neue Dynamik 1978-2010.
  • Ergänzt wird die durch eine Vielzahl von Schwarzweiß-Abbildungen illustrierte Darstellung durch einen Epilog (von Elsbeth Wandeler, Geschäftsleiterin des SBK) und einen Anhang (mit Übersichten über die Präsidenten/-innen, Zentralsekretäre/-innen, Mitgliederentwicklung, Gründung der Sektionen, Chronologie) sowie Anmerkungen, Literatur und Abkürzungen. Hier wäre auch ein Personenverzeichnis nützlich und hilfreich gewesen.

    Wie die Autorinnen zeigen, hatte die Züricher Ärztin Anna Heer (1863-1918) mit Unterstützung des Schweizerischen Frauenvereins in den 1890er Jahren eine Pflegerinnenschule und eine Pflegerinnenorganisation konzipiert. Kurz darauf gelang es dann dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK), das sich bisher der Verwundetenpflege im Kriegsfall gewidmet hatte, auch das Feld der Krankenpflege in Friedenszeiten zu belegen. Die beiden Protagonisten fanden dann rasch zu einer Zusammenarbeit und gründeten schließlich 1910 den Schweizerischen Krankenpflegebund. In den ersten Jahrzehnten war die Entwicklung des Berufsverbandes vom Einfluss des SRK, der Ärzteschaft und der Behörden geprägt. Sie formten das Berufsbild, bestimmten die berufspolitischen Themen, gestalteten die Pflegeausbildung und entschieden über Integration und Ausschluss von Pflegezweigen. Weil diese "Fremdbestimmung" eine Mitgliedschaft im International Council of Nurses (ICN), dem Weltbund der Krankenpflegerinnen, verhinderte, gründeten Krankenschwestern 1936 den Nationalverband der Schwestern anerkannter Pflegerinnenschulen der Schweiz, der ein Jahr später in den ICN aufgenommen wurde. Die Konkurrenz der beiden Pflegeorganisationen sollte unterdessen, wie der weitere Blick in die Geschichte zeigt, nicht lange dauern. 1944 fusionierten sie zum Schweizerischen Verband diplomierter Krankenschwestern und Krankenpfleger (SVDK). Im Jahre 1878 schloss sich dieser dann mit den Verbänden der Wochen-, Säuglings- und Kinderkrankenpflege sowie der Psychiatriepflege zum heutigen Berufsverband SBK zusammen.

    Während der 100 Jahre seines Bestehens wurde der SBK immer wieder von Auseinandersetzungen um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und den Ausbau der Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie des Pflegestudiums begleitet. Maßgeblichen Anteil daran hatten eine Reihe engagierter Frauen (und einige wenige Männer), die von Sabine Braunschweig und Denise Francillon zu Recht vorgestellt und durch kurze - in den Text eingeschobene - Einzelportraits gewürdigt werden.
    Mit dem Buch "Professionelle Werte pflegen" liegt nun nicht nur eine umfassende Verbandsgeschichte des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner vor, sondern zugleich auch ein ausgezeichneter Beitrag zur schweizerischen Pflegegeschichte.

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