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Regel-lose Frauen<br> Wechseljahre im Kulturvergleich (Rezension)

Regel-lose Frauen Wechseljahre im Kulturvergleich (Kosack, Godula und Ulrike Krasberg (Hrsg.))Ulrike Helmer Verlag, Königstein, 2002, 252 S., 18,90 € - -3-89741-099-0Rezension von: Paul-Werner Schreiner Naturvorgänge verlaufen in der Regel diskontinuierlich und sind zudem von
May 25, 2013 by
Regel-lose Frauen<br>
Wechseljahre im Kulturvergleich (Rezension)
Andreas Lauterbach

Regel-lose Frauen
Wechseljahre im Kulturvergleich (Kosack, Godula und Ulrike Krasberg (Hrsg.))

Ulrike Helmer Verlag, Königstein, 2002, 252 S., 18,90 € - -3-89741-099-0

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Naturvorgänge verlaufen in der Regel diskontinuierlich und sind zudem von einem fortwährenden Vergehen und Entstehen gekennzeichnet. Dies trifft selbstverständlich in jeder Hinsicht auch auf das Leben des Menschen zu, da dieser Teil der Natur ist. Dies gilt, auch wenn die Vertreter der technisierten Medizin (und die im Hintergrund interessengeleitet agierende medizintechnische Industrie) nicht müde werden, krisenhaft erfahrbare Übergänge als behandelbare und -bedürftige Krankheiten zu definieren und einzuebnen, und vor allem suggerieren, dass das Vergehen für den Menschen nicht zutrifft.

Während in der Entwicklung eines Mannes die Diskontinuitäten nicht so offenkundig sichtbar werden - was natürlich nicht bedeutet, dass sie nicht vorhanden wären - spielen diese im Leben einer Frau eine nicht unwesentliche Rolle. Die Pubertät bzw. die erste Regelblutung ändert das Leben des Mädchens; sie wird zur - zumindest theoretisch - gebärfähigen Frau, und das Dasein einer solchen unterliegt bestimmten Initiationsriten und sozialen Regeln. Das Ausbleiben der Regelblutung ist in ähnlicher Weise ein gravierender Einschnitt im Leben einer Frau, für den es wiederum soziale Regeln gibt. Beide krisenhaften Übergänge im Leben einer Frau sind gleichzeitig schöne Beispiele für die konsequente Medikalisierung von natürlichen Phänomenen in unserer Zeit.

Soziale Regularien sind nun keine Konstanten; sie hängen vielmehr von der kulturellen Bewertung der zu Grunde liegenden Phänomene ab. Im Zusammenhang mit den Wechseljahren geht es zentral um die Frage, welches Verständnis der Frau gesellschaftlich gegeben ist - und dann auch zu ihrem Eigenen wird -, welche Bedeutung ihrer Gebärfähigkeit beigemessen wird und was das Ausbleiben derselben für die gesellschaftliche Bewertung der Frau bedeutet.

Die Herausgeberinnen des vorliegenden Buches sind als Wissenschaftlerinnen am Institut für vergleichende Kulturforschung der Universität Marburg tätig. Sie organisierten im Mai 2000 ein Internationales Symposium "Frauen während und nach den Wechseljahren"; das Thema wurde dabei aus ethnografischer und kulturvergleichender Perspektive beleuchtet. Die Herausgeberinnen brachten dabei die Ergebnisse ihrer eignen Forschungen in Nord-Kamerun und Georgien (Kosack) und Griechenland (Krasberg) ein. In dem Buch sind die bei dem Symposium gehaltenen Vorträge, ergänzt um zwei Aufsätze, dokumentiert.

Die ersten Beiträge erörtern die Wechseljahre aus biomedizinischer Sicht auf der einen und als bio-kultureller und politischer Prozess auf der anderen Seite; es wird ferner die Thematisierung der Wechseljahre in Pharmabroschüren und im Internet analysiert. Die weiteren Beiträge zeigen das mitunter ganz andere Umgehen mit dem Thema im griechischen Dorf, in Georgien, im indischen Himalaya in Japan, in Neuseeland, in Süd- und Nordkamerun sowie im Tschad auf. In einem Beitrag wird schließlich noch die Behandlung von Wechseljahrbeschwerden mit Heilpflanzen aufgegriffen.

In dem abschließenden Text fasst Ulrike Krasberg noch einmal das vielfältige kulturelle Bedingtsein der Auseinandersetzung mit dem Thema zusammen. Vieles hängt von dem Verständnis von Frausein ab und von der Bewertung, die der Fähigkeit, Leben zu gebären, beigemessen wird. Krasberg betont dabei, dass die in den westlichen Industriestaaten vorherrschende Medikalisierung der Frau, die unter anderem, vielleicht in besonderer Weise, an der Hormontherapie deutlich wird, nicht die einzige Möglichkeit des Umgehens mit dem Phänomen ist, dass es aber auch nicht ohne weiteres möglich ist, sich in den modernen Industriegesellschaften ganz davon zu dispensieren, da das Umgehen mit den Wechseljahren nur ein Aspekt des kulturellen Verständnisses von Leben ist.

Soziale Regularien unterliegen nun nicht nur kulturellen Unterschieden, sondern auch einem historischen Wandel. Dass die Medikalisierung des Lebens entscheidend mit den heute zur Verfügung stehenden medizinischen Kenntnissen und Möglichkeiten zusammenhängt, ist selbstverständlich. Das Medikalisieren der Wechseljahre ist aber nicht nur Folge der medizinischen Möglichkeiten (und der diese treibenden wirtschaftlichen Interessen der entsprechenden Industrie), sondern auch davon, dass Frauen heute die Wechseljahre in den meisten Fällen deutlich überleben, was in vergangenen Zeiten nicht unbedingt der Fall war. So steht das Umgehen mit den Wechseljahren immer im Kontext der Bewertung des Alters. Wenn Ulrike Krasberg feststellt, dass eine 51-jährige Frau nicht alt ist, hat sie nach den geltenden Maßstäben selbstverständlich Recht; gleichwohl liegt dieser Feststellung ein Begriff von Alter zu Grunde, der wiederum kultur- und geschichtsbedingt ist. Es ist vielleicht kein Zufall, dass in den Ausführungen über das Umgehen mit den Wechseljahren in den anderen Kulturen das Verhältnis des Themas zum Alter eine weit größere Rolle spielt als in den ersten Beiträgen des Buches.

Das Buch sei allgemein zur Lektüre empfohlen, nicht nur Betroffenen (Frauen) und auch nicht nur Menschen, die beruflich mit dem Thema konfrontiert sind.

Pathologisch-Anatomisches Cabinet<br> Vom Virchow-Museum zum Berliner Medizinhistorischen Museum in der Charité. (Rezension)
Pathologisch-Anatomisches Cabinet Vom Virchow-Museum zum Berliner Medizinhistorischen Museum in der Charité. (Krietsch, Peter und Manfred Dietel)Blackwell Wissenschafts-Verlag. Berlin, Wien, Oxford, Edinburgh, Boston, London, Melbourne, Paris, Yokohama 1996, 173 S., DM 48,-. ISB