Die ersten Pflegeakademiker in Deutschland |
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Winters Studie (wahrscheinlich eine Dissertation, obwohl dies nicht explizit vermerkt ist) beschäftigt sich mit einem Forschungsfeld, welches in Deutschland â jedenfalls was die Absolventen der Pflegestudiengänge angeht â praktisch nicht existent ist. Es geht um Arbeitsmarktperspektiven von Pflegestudierenden und die Frage, ob und in welchen Bereichen die Absolventen später eine berufliche Anstellung finden. Die mit und in der Arbeit aufgeworfenen Fragen sind hoch relevant. Wer nur etwas Einblick in das bunte Basteln von Bachelor- und Masterstudiengängen an den Hochschulen hat, der weiÃ, dass etwas mehr Empirie (im Sinne von Wissen und Erkenntnissen über Berufsfelder und Arbeitsmöglichkeiten von Studierenden) in der Diskussion dringend gebraucht wird. Vor diesem Hintergrund ist der Akzent auf die Altenpflege von besonderer Bedeutung. Denn traditionellerweise gehört dieser Bereich zu den am meisten vernachlässigten Inhalten in den Pflegestudiengängen. Von mittlerweile 50 Angeboten hat sich nur ein einziger Studiengang für eine explizite Schwerpunktsetzung hinsichtlich der Gerontologischen Pflege entschieden. Die anderen bieten eher zufällig oder gar nicht altenpflegerisch relevante Themen und Inhalte an. Diese Situation ist nicht nur unverständlich, sondern auch unerträglich, denn mittlerweile arbeiten über 50% aller Pflegenden mit alten Menschen. Aber eine Rezension sollte zur Sache des Buches selbst Aussagen treffen. Also wieder zurück zu unserem Gegenstand.
Nach Einführung in den Problemzusammenhang, Ziel- und Fragestellung der Untersuchung skizziert Winter ausführlich den Stand der Forschung. Dabei werden die üblichen Bedarfsrechnungen vorgestellt, die jedoch nicht mit dem konkreten Verhalten potentieller Arbeitgeber zu verwechseln sind. Die Einschätzungen der Arbeitgeber werden auch dargelegt, und hier kommt bereits eine erste Ernüchterung auf. Arbeitgeber forcieren die Fort- und Weiterbildung ihrer eigenen Mitarbeiter und greifen dabei auf pflegefachspezifische Bildungsangebote zurück bzw. bieten diese selbst an. Es dominieren primär interne Rekrutierungsstrategien, was es Absolventen der Fachhochschulstudiengänge (insbesondere âPflegeâ oder âPflegemanagementâ) nicht einfach macht. Die Befunde weisen darauf hin, dass es vor allem drei Arbeitsbereiche sind, die als Aufgabenschwerpunkte identifiziert werden können: Qualitätsmanagement, pflegefachliche Expertise (Dokumentation und Planung pflegerischer Leistungen) sowie Verwaltungsaufgaben (ein breites Spektrum von EDV, Leistungserfassung, Entwicklung von betriebsinternen Kommunikationsmustern, Budgetierung etc.). Das Pflegewesen als Arbeitsmarkt und die Perspektiven der Pflegestudiengangsabsolventen werden ebenfalls von Winter beschrieben. Hier ist die Aussage interessant, dass aktuelle Pflegestatistiken auf eine Zunahme stationärer Altenpflegeeinrichtungen verweisen, die ânicht nur mit einer erhöhten Zahl von Pflegekräften einhergeht, sondern auch zu Arbeitsplatzzuwächsen in der Leitungs- und Führungsebene führtâ (S. 128).
Insgesamt wird aber erkennbar, dass auch mehr als zehn Jahre nach der Einführung der ersten Pflegestudiengänge der Bekanntheitsgrad der Abschlüsse gering ist und vor allem die Inhalte und vermittelten Kompetenzen den Anstellungsträger vielfach unbekannt sind. Winter referiert aber nicht nur den Forschungsstand, sondern hat eine eigene Studie durchgeführt. Er hat eine quantitative Inhaltsanalyse von 1451 Inseraten aus 48 Ausgaben der âDie Schwester/Der Pflegerâ und âAltenpflegeâ durchgeführt. Darüber hinaus wurden Experteninterviews und eine schriftliche Befragung der Hochschulen realisiert. Insgesamt zeigt sich bei den Befunden, dass âdie Altenpflege als einer der wachstumsstärksten, zukunftsträchtigsten und gesellschafspolitisch bedeutsamsten Pflegebereiche bislang vergleichsweise wenig vom Akademisierungsprozess profitiert. Und dies zu verändern, scheint es notwendig, gesetzliche Rahmenbedingungen weiter zu aktualisieren sowie altenpflegerische und gerontologische Themenstellungen stärker bei der Studiengangsgestaltung zu berücksichtigenâ (S. 264). Womit wir wieder beim Anfang unserer Ausführungen angelangt sind. Nicht verschwiegen werden soll, dass die Arbeit methodisch sauber durchgeführt wurde (das erkennt man u.a. an den Reliabilitätsberechnungen der eingesetzten Instrumente). Für methodisch Interessierte ist der Gang der Arbeit transparent und nachvollziehbar dargestellt. Eine gelungene Arbeit, deren Lektüre nicht nur den Verantwortlichen für die Pflegestudiengänge zu empfehlen ist. Auch Altenpflegerinnen und Altenpfleger â wie auch die Beschäftigen im Altenpflegesektor insgesamt â erfahren in diesem Buch vieles, was sie interessieren könnte, wenn sie sich die Frage stellen: Soll ich Pflege studieren?