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Suizid und Suizidversuch<BR>Ethische und rechtliche Herausforderung im klinischen Alltag (Rezension)

Suizid und SuizidversuchEthische und rechtliche Herausforderung im klinischen Alltag (Wolfslast, Gabriele und Kurt W. Schmidt (Hrsg.) )Ch. Beck, München, 2005., 258 S., 24,80 €, ISBN 3-406-53989-0 Rezension von: Irmgard Hofmann Jährlich nehmen sich allein in Deutschland etwa
May 25, 2013 by
Suizid und Suizidversuch<BR>Ethische und rechtliche Herausforderung im klinischen Alltag  (Rezension)
Andreas Lauterbach

Suizid und Suizidversuch
Ethische und rechtliche Herausforderung im klinischen Alltag (Wolfslast, Gabriele und Kurt W. Schmidt (Hrsg.) )

Ch. Beck, München, 2005., 258 S., 24,80 €, ISBN 3-406-53989-0

Rezension von: Irmgard Hofmann

Jährlich nehmen sich allein in Deutschland etwa 11.000 Menschen das Leben. Jährlich versuchen seriösen Schätzungen zufolge zwischen 100.000 und 200.000 Menschen in Deutschland, sich das Leben zu nehmen. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass der überwiegende Teil der Suizidversuche keine „Wiederholungstäter“ sind, vielmehr handelt es sich immer wieder um andere Menschen, das heißt um Erstversuche. Anders ausgedrückt: Würde man die Zahl der Suizide bzw. Suizidversuche auf eine größere Stadt umrechnen, z. B. München mit knapp 1,3 Mio. Einwohnern und unterstellte man außerdem, dass bei jedem Suizid bzw. Suizidversuch wenigstens zwei nahestehende Personen intensiv betroffen sind, dann ergibt sich daraus rein rechnerisch, dass innerhalb von drei Jahren jeder Einwohner von München sehr nahe mit dem Thema Suizid bzw. Suizidversuch konfrontiert würde. Dieses Bild soll veranschaulichen helfen, dass es sich bei Suizid bzw. Suizidversuch keineswegs um eine Randerscheinung in unserer Gesellschaft handelt, dass im Gegenteil sehr viele Menschen in ihrem Leben damit konfrontiert werden.

Angesichts dieser Dimensionen mutet es eher verwunderlich an, dass diese Thematik außerhalb spezieller Einrichtungen relativ selten diskutiert wird, auch gibt es im ärztlich-pflegerischen Bereich dazu nur wenige Fortbildungsangebote. Das Sprechen über Suizid und Suizidversuch wirkt eher tabuisiert, wofür es – neben der Scham der direkt Betroffenen - viele Gründe gibt, die aber selbst ebenfalls kaum thematisiert werden.

Die Herausgeber Gabriele Wolfslast und Kurt W. Schmidt gehen einen anderen – und wie ich finde - durchaus gelungenen Weg mit der Veröffentlichung dieses Sammelbandes. Hervorgegangen „aus einer Vorlesungsreihe und verschiedenen Fortbildungsveranstaltungen“ in Frankfurt und Gießen schaffen die Beiträge eine Schnittstelle zwischen Medizin, Ethik und Recht und ermöglichen es so Professionellen und Interessierten, sich relativ schnell einen guten Überblick zum Thema Suizid bzw. Suizidversuch zu verschaffen. Das bedeutet im Detail allerdings auch, dass wohl um der Übersichtlichkeit willen die eine oder andere Vertiefung zu bestimmten Teilaspekten weggelassen wurde, wie etwa eine unterschiedliche moralische Bewertung von Suizidhandlungen in verschiedenen Kulturen (z. B. Harakiri). Gegliedert ist der Band in vier Teile: Der Erste beschäftigt sich mit historischen Grundlagen und kulturellem Hintergrund. D. v. Engelhardt zeigt in seinem spannenden Beitrag, dass Suizid keineswegs eine Erscheinung der modernen Welt ist, sondern die Menschheitsgeschichte durchzieht. Vor allem wird deutlich, dass das Phänomen Selbsttötung – Selbstmord – Freitod und seine jeweiligen Deutungen nicht ein primär medizinisches Thema ist; vielmehr steht es im kulturellen Kontext und ist aus der Perspektive verschiedener Wissenschaften zu betrachten. C. Reimer stellt sich der Frage, ob die Selbsttötung ein philosophisch begründbarer Akt der Freiheit oder eine Krankheit (und somit medizinisch zu behandeln) sei. Seine durchaus nachvollziehbare Schlussfolgerung lautet, dass es zwischen den Polen: „Vollbesitz der Freiheit, freie Entscheidungsfähigkeit und Störung bzw. Krankheit mit stark eingeschränkter oder nicht mehr vorhandener Entscheidungsfähigkeit“ fließende Übergänge gibt, die es erforderlich machen, jede suizidale Handlung individuell zu betrachten. Da Reimer selbst aus medizinisch-psychiatrischer Perspektive argumentiert, wäre hier ein zusätzlicher philosophischer Beitrag sicher sehr interessant gewesen. H.-J. Gerigk führt uns durch vier Werke weiblicher Selbsttötungen mit ihren verschiedenen – auch moralischen Implikationen und hilft besser zu verstehen, wie sehr die Bewertung eines Suizids von den je eigenen Wertvorstellungen abhängig ist.

Acht Einzelbeiträge sind im zweiten Teil „Suizid und Suizidversuche im klinischen Alltag.“ zusammengefasst. Sie beschäftigen sich mit besonderen Suizidrisiken in unterschiedlichem Kontext wie Suizidalität im Jugendalter bzw. hohen Alter oder auch bestimmter Gesundheitsberufe. Ein Beitrag beschäftigt sich mit Inhalten und möglichen Risiken der zahlreichen Suizidforen im Internet. Nachgegangen wird auch der Frage, inwieweit schwere körperliche Erkrankungen bzw. die Aufklärung darüber das Suizidrisiko beeinflussen. Ein besonders lesenswerter Beitrag von Reimer geht dem m. E. bisher in der Literatur zu wenig reflektierten Sachverhalt nach, wie sehr persönliche Einstellungen und Affekte und auch eigene Erfahrungen der Helfenden die Helfer-Suizidant-Beziehung beeinflussen. Ein Gesichtspunkt, der gerade in der Ausbildung zu Helferberufen (Ärzte, Pflegende, Sanitäter, Sozialpädagogen) viel mehr Beachtung finden müsste.

Der dritte Teil, eher kurz gehalten, zeigt auf, wie Gespräche mit akut suizidgefährdeten Menschen geführt werden können bzw. wie Angehörigen die Nachricht überbracht werden soll. Hier fehlt ein Beitrag, der eine längere Begleitsituation für betroffene Angehörige zumindest thematisieren würde – dies angesichts der Tatsache, dass es nachgewiesenermaßen eine familiäre Häufung von Suiziden gibt. In nur einem Beitrag dieses Buches findet sich eine kurze Anmerkung zu diesem Aspekt, sie wird dort einem „genetischen Faktor“ zugeordnet. Das scheint mir angesichts der heftigen emotionalen Reaktionen und Folgewirkungen innerhalb einer Familie (D. Roos macht dies an einem Beispiel überdeutlich) als zu kurz gegriffen. Persönlich weiß ich aus vielen Gesprächen mit Angehörigen und Freunden von Menschen nach versuchtem oder vollendetem Suizid, wie traumatisierend diese Erfahrung auch viele Jahre danach noch wirken kann. Leider ist auch in der weiterführenden Literatur hierzu kaum Material angegeben.

Der vierte Teil ist – ziemlich umfangreich - rechtlichen Aspekten gewidmet. Die Beiträge dienen der Klärung zivilrechtlicher und (sehr seltener) strafrechtlicher Konsequenzen, die Frage der Patientenautonomie im Verhältnis zur ärztlichen Garantenpflicht wird ebenso angesprochen wie die Schweigepflicht gegenüber Angehörigen sowie Verhaltensempfehlungen für Ärzte nach einem Suizid(versuch) in der Einrichtung. Manche Fragen – wie ärztlich assistierter Suizid bei schwerster Krankheit – werden nur angerissen, allerdings gibt es hierzu wirklich sehr viel vertiefende Literatur in Verbindung mit Euthanasie.

Dieser Sammelband hat den ganz entscheidenden Vorteil, dass er Suizid und Suizidversuch bzw. den Umgang damit aus sehr verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Neben umfangreichem Datenmaterial (die Angaben in den verschiedenen Beiträgen sind leider nicht immer ganz kongruent) geben die Beiträge Einblick in diverse Aspekte der Suizidforschung und -begleitung und ermöglichen es damit, einen guten Einstieg in das nicht gerade einfache Thema zu finden. Eine Liste weiterführender Literatur ermuntert zur Vertiefung. Schön wäre ein möglicher Folgeband, der sich spezieller religiös-kulturellen Unterschieden widmet, betroffenen Angehörigen und Freunden von Suizidanten Platz gibt und vielleicht auch ausführlichere Hinweise enthält, wie Menschen in Helferberufen unterstützt werden können, damit sie selbst die Balance nicht verlieren. Angesichts der Häufigkeit von Suizid und Suizidversuchen ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass unter zwanzig Helfenden wenigstens einer dabei ist, der nahegehende persönliche Erlebnisse mit Suizidhandlungen hat. Wenn Helfende suizidgefährdeten Menschen und ihren Angehörigen hilfreich zur Seite stehen sollen, dann sollten auch Unterstützungsmöglichkeiten und die Notwendigkeit der eigenen Reflexion aufgezeigt werden, um negative Übertragungen möglichst zu vermeiden.

Der Wunsch nach einem Folgeband soll aber keineswegs die Verdienste des vorliegenden Bandes schmälern, ganz im Gegenteil. Das Buch verdient uneingeschränkte Verbreitung bei Menschen in helfenden Berufen, insbesondere in Medizin, Pflege und Sozialpädagogik. Es verhilft zu einem guten Einstieg in die Thematik, die weiterführende Literatur ermöglicht Vertiefung je nach eigenem Interesse.

Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008<BR>75000 Stichwörter, 2445 Abbildungen und Tabellen, 50000 englische Übersetzungen (Rezension)
Springer Klinisches Wörterbuch 2007/200875000 Stichwörter, 2445 Abbildungen und Tabellen, 50000 englische Übersetzungen (Reuter, Peter )Springer Medizin Verlag Heidelberg, 2006, 2050 S., 19,95 €, ISBN 3-540-34601-5 Rezension von: Paul-Werner Schreiner Neben dem ältesten (1.