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Suizid und Zweierbeziehung (Rezension)

Suizid und Zweierbeziehung (Haenel, Thomas)Vandenhoeck & Ruprecht, 2001, 160 S., 19,90 € - ISBN 3-525-45895-9Rezension von: Paul-Werner Schreiner Wenn ein Mensch beschließt, sich das Leben zu nehmen, und diesen Beschluß auch in die Tat umsetzt, ist dies nie nur eine Sache des
May 25, 2013 by
Suizid und Zweierbeziehung (Rezension)
Andreas Lauterbach

Suizid und Zweierbeziehung (Haenel, Thomas)

Vandenhoeck & Ruprecht, 2001, 160 S., 19,90 € - ISBN 3-525-45895-9

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Wenn ein Mensch beschließt, sich das Leben zu nehmen, und diesen Beschluß auch in die Tat umsetzt, ist dies nie nur eine Sache des Betroffenen. Der Suizid(versuch) ist immer auch ein kommunikativer Akt; in nicht wenigen Fällen kann er als verzweifelter Hilferuf verstanden werden, zumindest verursacht er nahezu immer Ratlosigkeit und Verstörung. Diese sind noch viel größer, wenn zwei Menschen sich zusammen das Leben nehmen.

Der Autor des vorliegenden Buches ist Psychiater und Psychotherapeut; er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der psychischen Situation von Suizidenten. Mit "Suizid und Zweierbeziehung" sind nun mehrere Situationen beschrieben.

Es sind dies zum einen die Situationen, in denen zwei Menschen gemeinsam durch die eigene Hand aus dem Leben scheiden. Haenel referiert hier zunächst berühmt gewordene Doppelsuizide (Heinrich von Kleist/Henriette Vogel; Kronprinz Rudolf/Mary Vetsera; Stefan/Lotte Zweig; Kurt Sandweg/Waldemar Velte) und differenziert zwischen "Doppelsuizid" - zwei Menschen beschließen gemeinsam, sich das Leben zu nehmen - und dem "erweiterten Suizid" - ein Mensch beschließt, sich das Leben zu nehmen, und nötigt einen anderen, ihm zu folgen, oder dieser schließt sich ihm aus welchen Gründen auch immer an, ohne daß jedoch der genuine Wunsch, aus dem, Leben zu scheiden, vorliegt. Im Kapitel über die Diagnosestellung geht der Autor kritisch auf die Frage des Bilanzsuizids ein und gibt hier seiner Überzeugung Ausdruck, daß es sinnvoller sei, "die Diskussion um den Bilanzsuizid von der qualitativen auf die quantitative Ebene zu verlagern. Die Frage lautet dann nicht mehr, ob Bilanzsuizide vorkommen oder nicht, sondern ob der Anteil einer gesunden Bilanz bei einem bestimmten Suizid groß oder klein ist, ob er von ausschlaggebender Bedeutung ist oder nicht. Bei einem Menschen, der sich in einer akuten Psychose umbringt, ist der Bilanzanteil wohl als sehr klein zu veranschlagen; bei einem körperlich kranken, betagten Menschen ohne Angehörige, der keinen Sinn mehr im Weiterleben sieht, ist der Bilanzanteil wohl recht groß. Diese grundsätzlichen Bemerkungen scheinen mir für das Verständnis auch der Doppelsuizide notwendig, wenn im folgenden von den Diagnosen die Rede ist. Reine Bilanzierungen kommen auch bei Doppelsuiziden kaum vor, das heißt, sie werden in der Regel nicht von psychisch gesunden Personen durchgeführt."

Haenel widmet zwei besonderer Formen des Doppelsuizids/erweiterten Suizids jeweils ein Kapitel:

  • Immer von einem erweiterten Suizid ist auszugehen, wenn Mütter einen Suizid begehen und dabei ihre Kinder mitnehmen.
  • Die Tatsache, daß sich Zwillinge gemeinsam das Leben nehmen, wirft vor allem dann, wenn dies nicht im Sinne eines direkten Doppelsuizids geschieht, sondern bei räumlich getrennt leben Zwillingen, vielleicht auch etwas zeitzersetzt, die Frage auf, ob es genetische Konstellationen für Suizidhandlungen gibt. Die von Haenel referierten Forschungsergebnisse geben Anlaß, zumindest von der Mitbeteiligung einer hereditären Komponente auszugehen.
Nun würde aber der Titel "Suizid und Zweierbeziehung" einseitig interpretieren, würde man darunter nur die Situationen des Doppelsuizids bez. des erweiterten Suizids verstehen. Im hinteren Drittel des Buches geht der Autor auf ganz andere im Zusammenhang mit dem Suizid relevante Zweierbeziehungen ein, auf die Zweierbeziehung
  • suizidaler Patient - Arzt/Psychotherapeut; Haenel schenkt hier der Suizidalität von Ärzten und Psychotherapeuten besondere Aufmerksamkeit, ebenso im weiteren der erst in jüngerer Zeit untersuchten Frage, wie der Therapeut auf den Suizid eines Patienten/Klienten reagiert
  • Suizident - der signifikant Andere in der Familie; der Autor macht hier im besonderen drauf aufmerksam, daß es im Zeitalter neuer Formen des Zusammenlebens in diesem Zusammenhang nicht so sehr auf den offiziellen Familienstand ankomme, sondern darauf, "ob jemand alleine lebt, isoliert ist, einen abgekapselten Lebensstil hat".
  • Suizident - sein Glaube an Gott; hinsichtlich dieser Zweierbeziehung untersucht Haenel drei Fragen: erstens, welche Haltung in der Bibel zu Suizidhandlungen eingenommen wird, zweitens, ob Religiosität suizidprotektiv wirken kann, und drittens, welche Auswirkungen eine persönliche Beziehung zu Gott auf Suizidhandlungen hat.
In einem abschließenden Kapitel werden Aspekte der Prävention und Therapie aufgegriffen.

Das gut lesbare Buch kann, da es zentrale Fragen des Lebens behandelt, allgemein zur Lektüre empfohlen werden; denjenigen, die beruflich mit Menschen zu tun haben, die suizidal sind oder einen Suizidversuch hinter sich haben, sei es im besonderen empfohlen.

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