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Verortungen der Seele – Locatin the Soul<BR>Psychiatriemuseen in Europa, Museums of Psychiatry in Europe (Rezension)

Verortungen der Seele – Locatin the SoulPsychiatriemuseen in Europa, Museums of Psychiatry in Europe (Brüggemann, Rolf und Gisela Schmid-Krebs )Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main, 2007, 205 S., 29,90 €, ISBN 978-3-938304-48-8 Rezension von: Dr. Hubert Kolling Die Vorstellung e
May 25, 2013 by
Verortungen der Seele – Locatin the Soul<BR>Psychiatriemuseen in Europa, Museums of Psychiatry in Europe  (Rezension)
Andreas Lauterbach

Verortungen der Seele – Locatin the Soul
Psychiatriemuseen in Europa, Museums of Psychiatry in Europe (Brüggemann, Rolf und Gisela Schmid-Krebs )

Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main, 2007, 205 S., 29,90 €, ISBN 978-3-938304-48-8

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Die Vorstellung eines Museumsführers in einer pflegewissenschaftlichen Fachzeitschrift mag den einen oder anderen im ersten Moment verwundern. Wenn man sich dann aber das Thema anschaut, um das es geht, nämlich Psychiatriemuseen in Europa, dürften mögliche Zweifel schnell verflogen und zugleich die Neugierde geweckt sein.

In ihrem durchgängig mit Farbfotos illustrierten Buch „Verortungen der Seele“ stellen Rolf Brüggemann und Gisela Schmid-Krebs über hundert Ausstellungen, Gedenkstätten und verwandte Einrichtungen in Europa vor, die das schwierige Thema der Psychiatrie in allen Facetten beleuchten. Die Autoren, die als Diplom-Psychologen und Psychotherapeuten beziehungsweise Diplom-Kunsttherapeuten selbst in einer psychiatrischen Einrichtung beziehungsweise psychosomatischen Klinik tätig sind, haben die entsprechenden Einrichtungen alle aufgesucht und dabei Gemeinsamkeiten entdeckt, aber auch bedeutende Unterschiede. Zu ihrem Museumsführer, der zweisprachig – in deutsch und englisch – erscheint, schreiben sie einführend: „Unser Anliegen ist die Beschreibung bestimmter Orte im wörtlichen, also geografischen Sinne, an denen das Phänomen ‚Seele’ sichtbar und verständlich gemacht werden kann. Dabei wird deutlich, dass der Begriff der Seele wissenschaftlich unklar und umstritten ist, jedoch populär akzeptiert wird. Die Gewissheit von der menschlichen Seele ist so zeitüberdauernd wie eine allgegenwärtige Gottesvorstellung. Wir verzichten auf eine begriffliche Einengung im vornhinein, um uns nicht den Blick zu verstellen. Wenn auch der Begriff etwas veraltet und aus der Mode zu sein scheint, so wollen wir uns doch auf die Suche nach der verlorenen Seele begeben.“

Aufgrund ihrer Recherchen zeigten sich Rolf Brüggemann und Gisela Schmid-Krebs vier Kategorien von Orten der Darstellung der Seele, nach denen sie auch ihren Museumsführer gegliedert haben:

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  • Museen der Psychiatrie (S. 17-108)
  • Gedenkstätten der Euthanasie (S. 109-133)
  • Die Kunst der anderen Art (S. 135-168)
  • Andernorts (S. 169-202).
Der erste Bereich, Museen der Psychiatrie, stellt insgesamt 63 Einrichtungen aus Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich, Belgien, Niederlande, England, Dänemark, Schweden, Finnland, Lettland, Russland, Tschechien, Rumänien und der Türkei vor. Die Vielfalt der Einrichtungen zeigt dabei ein großartiges und weit ausuferndes Mosaik, das ein spannendes und anschauliches Gesamtbild der menschlichen Seele ergibt. Nach Ansicht der Autoren beweist die wachsende Zahl der psychiatriegeschichtlichen Museen, die in den letzten Jahrzehnten eröffnet wurden, ein neues Selbstbewusstsein der Psychiatrie, die sich erstmals so öffentlich und umfassend hinter die Kulissen schauen lasse. Allen Einrichtungen gemeinsam sei die historische Perspektive, die den Gegenstand aus der Distanz scheinbar klarer erkennen lassen. So vermittelten Gerätschaften psychiatrischer Behandlungen des 19. Jahrhunderts den Eindruck, man habe der Seele geradezu mit Zwang und Folter zu Leibe rücken wollen. Die fortschrittsgläubige Haltung, dass mit der Zeit die Behandlungsmethoden humaner und effizienter geworden seien, müsse dann aber leider enttäuscht werden. Insbesondere das Thema „Euthanasie“, welches in deutschen Psychiatriemuseen großen Raum einnimmt, oder auch die Lobotomie sowie Schocktherapien mit Insulin und Cardiazol zeigten, wie sehr auch im 20. Jahrhundert menschenverachtende Haltungen und ineffiziente und brutale Praktiken zugelassen wurden.

Daran anschließend beschäftigt sich der zweite Bereich – Gedenkstätten der Euthanasie –, der insgesamt 12 Einrichtungen aus Deutschland und Österreich vorstellt, mit dem unzweifelhaft dunkelsten Kapitel besonders der deutschen Psychiatriegeschichte, der systematischen, vom nationalsozialistischen Regime verordneten Mordaktion an psychisch Kranken und Behinderten. Die kranke Seele auszurotten und aus dem „Volkskörper“ zu eliminieren, hat dabei nach Ansicht der Autoren einer unmenschlichen Ideologie und Mentalität entsprochen, die vielleicht in mittelalterlichen Hexenprozessen ähnlich gewesen war. Dass die Orte der Täter und Opfer erst vier bis fünf Jahrzehnte später zu Stätten des Mahnens und Gedenkens werden konnten, zeige, wie schwierig die geschichtliche Aufarbeitung dieser Gräuel offenbar war und zum Teil noch ist.

Künstlerische Werke psychisch Kranker finden seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Psychiater- und Künstlerkreisen zusehends Beachtung. Zunächst vielleicht mit kritischer Reserve betrachtet, oft belächelt und diffamiert als „entartete Kunst“, können wir heute in vielen bedeutenden Museen und Galerien der Welt diese mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnete Kunst bewundern. „Die Kunst der anderen Art“, die im dritten Bereich des Museumsführers mit 19 Einrichtungen aus Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Italien, Belgien, Irland und Russland vorgestellt wird, hat sicherlich entscheidend dazu beigetragen, das negative Image des seelisch Kranken zu verbessern. „Sie hat der Seele“ so die Autoren, „gleichsam einen bildlichen Ausdruck gegeben und damit einen Zugang gegen abgewehrte und unterdrückte Gefühle eröffnet.“

Ihre Reisen und Recherchen über die genannten Einrichtungen haben Rolf Brüggemann und Gisela Schmid-Krebs an viele interessante Orte geführt, die sie ebenfalls als Orte der Seele verstehen. Im Abschnitt „Andernorts“ sei der Bezug zur Thematik der Seele nicht mehr so sehr durch die Psychiatriegeschichte bestimmt gewesen, vielmehr stünden andere geisteswissenschaftliche und volkskundliche Aspekte im Vordergrund. Die diesbezüglichen Einrichtungen hätten aber allesamt einen so überzeugenden Charme gehabt, dass man sie berücksichtigen wollte. Zu den 19 exemplarisch hier vorgestellten Museen aus Deutschland, Griechenland, Italien, Frankreich, Spanien, England und Ungarn gehören etwa das Beate Uhse Erotik-Museum in Berlin, das Museum für Sepulkralkultur in Kassel, das Pflegemuseum in München und das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden.

Aufgrund ihrer intensiven Beschäftigung mit der Psychiatriegeschichte und ihrer musealen Darstellung kristallisieren sich für die Autoren zwei Einsichten heraus:

  • die ethische Begründung psychiatrischen Tuns verändert sich im historischen Kontext erheblich
  • die Hilflosigkeit psychiatrischen Tuns besteht auch teilweise heute noch und sie fördert und fordert weiterhin Maßnahmen, die bedenklich erscheinen.
Bemerkenswert erscheint bei dieser Einschätzung, dass sie nach Ansicht von Rolf Brüggemann und Gisela Schmid-Krebs ihre Geltung trotz der offensichtlich enormen diagnostischen und therapeutischen Differenzierung innerhalb der letzten hundert Jahre behalten hätte.

„Verortungen der Seele“ ist ein interessantes und zugleich wichtiges Buch. Zum einen bietet es der geneigten Leserschaft einen schnellen Überblick über entsprechende Einrichtungen, zum anderen fordert der historisch kritische Blick dazu auf, auch die heutige psychiatrische und psychotherapeutische Praxis zu hinterfragen.

Das eigene Sterben<BR>Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst (Rezension)
Das eigene SterbenAuf der Suche nach einer neuen Lebenskunst (Rüegger, Heinz )Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006, 128 S., 14,90 €, ISBN 978-3-525-63371-7 Rezension von: Paul-Werner Schreiner Das Sterben in den entwickelten Industriestaaten wurde im Laufe der zweiten Häl