Verortungen der Seele â Locatin the Soul |
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Die Vorstellung eines Museumsführers in einer pflegewissenschaftlichen Fachzeitschrift mag den einen oder anderen im ersten Moment verwundern. Wenn man sich dann aber das Thema anschaut, um das es geht, nämlich Psychiatriemuseen in Europa, dürften mögliche Zweifel schnell verflogen und zugleich die Neugierde geweckt sein.
In ihrem durchgängig mit Farbfotos illustrierten Buch âVerortungen der Seeleâ stellen Rolf Brüggemann und Gisela Schmid-Krebs über hundert Ausstellungen, Gedenkstätten und verwandte Einrichtungen in Europa vor, die das schwierige Thema der Psychiatrie in allen Facetten beleuchten. Die Autoren, die als Diplom-Psychologen und Psychotherapeuten beziehungsweise Diplom-Kunsttherapeuten selbst in einer psychiatrischen Einrichtung beziehungsweise psychosomatischen Klinik tätig sind, haben die entsprechenden Einrichtungen alle aufgesucht und dabei Gemeinsamkeiten entdeckt, aber auch bedeutende Unterschiede. Zu ihrem Museumsführer, der zweisprachig â in deutsch und englisch â erscheint, schreiben sie einführend: âUnser Anliegen ist die Beschreibung bestimmter Orte im wörtlichen, also geografischen Sinne, an denen das Phänomen âSeeleâ sichtbar und verständlich gemacht werden kann. Dabei wird deutlich, dass der Begriff der Seele wissenschaftlich unklar und umstritten ist, jedoch populär akzeptiert wird. Die Gewissheit von der menschlichen Seele ist so zeitüberdauernd wie eine allgegenwärtige Gottesvorstellung. Wir verzichten auf eine begriffliche Einengung im vornhinein, um uns nicht den Blick zu verstellen. Wenn auch der Begriff etwas veraltet und aus der Mode zu sein scheint, so wollen wir uns doch auf die Suche nach der verlorenen Seele begeben.â
Aufgrund ihrer Recherchen zeigten sich Rolf Brüggemann und Gisela Schmid-Krebs vier Kategorien von Orten der Darstellung der Seele, nach denen sie auch ihren Museumsführer gegliedert haben:
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- Museen der Psychiatrie (S. 17-108)
- Gedenkstätten der Euthanasie (S. 109-133)
- Die Kunst der anderen Art (S. 135-168)
- Andernorts (S. 169-202).
Daran anschlieÃend beschäftigt sich der zweite Bereich â Gedenkstätten der Euthanasie â, der insgesamt 12 Einrichtungen aus Deutschland und Ãsterreich vorstellt, mit dem unzweifelhaft dunkelsten Kapitel besonders der deutschen Psychiatriegeschichte, der systematischen, vom nationalsozialistischen Regime verordneten Mordaktion an psychisch Kranken und Behinderten. Die kranke Seele auszurotten und aus dem âVolkskörperâ zu eliminieren, hat dabei nach Ansicht der Autoren einer unmenschlichen Ideologie und Mentalität entsprochen, die vielleicht in mittelalterlichen Hexenprozessen ähnlich gewesen war. Dass die Orte der Täter und Opfer erst vier bis fünf Jahrzehnte später zu Stätten des Mahnens und Gedenkens werden konnten, zeige, wie schwierig die geschichtliche Aufarbeitung dieser Gräuel offenbar war und zum Teil noch ist.
Künstlerische Werke psychisch Kranker finden seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Psychiater- und Künstlerkreisen zusehends Beachtung. Zunächst vielleicht mit kritischer Reserve betrachtet, oft belächelt und diffamiert als âentartete Kunstâ, können wir heute in vielen bedeutenden Museen und Galerien der Welt diese mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnete Kunst bewundern. âDie Kunst der anderen Artâ, die im dritten Bereich des Museumsführers mit 19 Einrichtungen aus Deutschland, Ãsterreich, Schweiz, Frankreich, Italien, Belgien, Irland und Russland vorgestellt wird, hat sicherlich entscheidend dazu beigetragen, das negative Image des seelisch Kranken zu verbessern. âSie hat der Seeleâ so die Autoren, âgleichsam einen bildlichen Ausdruck gegeben und damit einen Zugang gegen abgewehrte und unterdrückte Gefühle eröffnet.â
Ihre Reisen und Recherchen über die genannten Einrichtungen haben Rolf Brüggemann und Gisela Schmid-Krebs an viele interessante Orte geführt, die sie ebenfalls als Orte der Seele verstehen. Im Abschnitt âAndernortsâ sei der Bezug zur Thematik der Seele nicht mehr so sehr durch die Psychiatriegeschichte bestimmt gewesen, vielmehr stünden andere geisteswissenschaftliche und volkskundliche Aspekte im Vordergrund. Die diesbezüglichen Einrichtungen hätten aber allesamt einen so überzeugenden Charme gehabt, dass man sie berücksichtigen wollte. Zu den 19 exemplarisch hier vorgestellten Museen aus Deutschland, Griechenland, Italien, Frankreich, Spanien, England und Ungarn gehören etwa das Beate Uhse Erotik-Museum in Berlin, das Museum für Sepulkralkultur in Kassel, das Pflegemuseum in München und das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden.
Aufgrund ihrer intensiven Beschäftigung mit der Psychiatriegeschichte und ihrer musealen Darstellung kristallisieren sich für die Autoren zwei Einsichten heraus:
- die ethische Begründung psychiatrischen Tuns verändert sich im historischen Kontext erheblich
- die Hilflosigkeit psychiatrischen Tuns besteht auch teilweise heute noch und sie fördert und fordert weiterhin MaÃnahmen, die bedenklich erscheinen.
âVerortungen der Seeleâ ist ein interessantes und zugleich wichtiges Buch. Zum einen bietet es der geneigten Leserschaft einen schnellen Ãberblick über entsprechende Einrichtungen, zum anderen fordert der historisch kritische Blick dazu auf, auch die heutige psychiatrische und psychotherapeutische Praxis zu hinterfragen.