Demenzkranke Menschen pflegen |
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Zu diesem Buch liegen zwei Besprechungen vor:
von K. Althaus
Im vorliegenden Buch werden aufgrund von Erfahrungen und Erkenntnissen Wege für die Betreuung demenzkranker Menschen erarbeitet. Es ist dem Autoren ein wichtiges Anliegen aufzuzeigen, dass sich jedes Verhalten und die Wahrnehmungen von Demenzkranken durch hirnphysiologische und hirnpathologische Wirkmechanismen erklären lassen. Zudem wirken auch die entsprechenden unterschiedlichen Beeinflussungsformen durch das betreuende Umfeld wiederum auf Leistungsfähigkeit und Verarbeitungsvermögen dieser Menschen. Seine Ausführungen basieren denn auch auf erfahrungsbezogenen Vorgehensweisen in der Wissenschaft und der Pflegepraxis. Die gängigen Pflegepraktiken der Ablenkung, des Mitgehens und der Mitwirkung werden von ihm als Leitkonzepte in den Mittelpunkt gestellt. Die Arbeit soll dazu beitragen, dass Demenzpflege als reflektiertes Erfahrungswissen verstanden wird. So werden Erkenntnisse aus Fachveröffentlichungen und die reflektierten Praxiserfahrungen in ein handlungsleitendes Konzept zusammengefügt.
Das ausgesprochene Ziel des Autoren ist es, durch die vorliegende Arbeit beim betreuenden Personal zu einer Steigerung der Sicherheit im Umgang mit Demenzkranken beizutragen durch die Vermittlung bestehenden Wissens über deren Verhalten, Reaktionen und der psychischen Belastbarkeit. Zudem ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit unabdingbar und muss gefördert werden, denn die Pflege und Betreuung als Form der Kommunikation ist für die Demenzkranken existenziell hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das Erleben der äuÃeren sozialen und räumlichen Umwelt.
Die Bezeichnung der Kapitel untersteichen die Anliegen des Autoren, indem er âVerstehenâ, âWahrnehmenâ, âSelbstwahrnehmungâ, âAgierenâ, âReagierenâ und âdemenzspezifische Normalitätâ als die wesentlichen Elemente der Demenzpflege darstellt.
Das Buch ist gut lesbar und sehr verständlich geschrieben. Speziell hervorgehobene Textfelder mit den Bezeichnungen âErkenntnisâ, âPraxisbeispieleâ und âPraxistippsâ sind hilfreich beim Lesen und machen das Buch zu einem Leitfaden für alle diejenigen Menschen, welche Demenzerkrankte betreuen. Es kann somit diesem Personenkreis sehr empfohlen werden.
von Dr. Angelika Zegelin
Nur selten kommt ein Rezensent wahrscheinlich zu folgendem Schluss: eine Verbreitung des Buches ist nicht zu empfehlen!
Lind hat ein widersprüchliches, ja, fürchterliches Machwerk vorgelegt. Er begründet Pflege auf âaktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisseâ, fordert âzurück zum Kausalzusammenhang von Hirn und Verhaltenâ und negiert damit sowohl den Beziehungscharakter von Pflege als auch den Einfluss der Umgebung auf das Wohlergehen von (dementen) Menschen. Lind redet über Pflege wie der Schuster vom Backen, er hat nichts begriffen. Er weià nichts über Individualität, stellvertretendes Handeln, über dialogische Grundlagen und Achtung der Würde â in diesem Sinne missachtet er wesentliche Grundzüge einer am Menschen orientierten Pflege. Offensichtlich weià er auch nicht, dass es keine âfalscheâ Wahrnehmung gibt.
Skurril und gleichzeitig armselig ist seine Forderung, dass in der Demenzpflege allgemein gültige Gesetze, wie in der Physik, herrschen sollten. Als Grundlagen seiner Vorschläge sieht er Effektivität (für wen?, was heiÃt das?), Effizienz und Praktikabilität (?) vor.
Genauso wie auf Erkenntnisse der Hirnforschung lieÃe sich Pflege auf den ökonomischen Ansatz von Keynes oder auf geophysikalischen Grundlagen der Wettervorhersage gründen. Er begreift sein Werk vor allem als âGegenposition zu den personenzentrierten Ansätzenâ, weniger als grundsätzlichen und überzeugenden Beitrag. So ist der gesamte Text von Widersprüchen durchsetzt. Lind fordert eine âwissenschaftlich begründete Pflegeâ (von welcher Wissenschaft bleibt fraglich, vermutlich die Neurobiologie), stellt in seinem Buch aber überwiegend Praxiserfahrungen vor. Dabei entlehnt er zahlreiche Ansätze aus der von ihm vehement abgelehnten personenzentrierten Pflege â bis auf eine Ausnahme: das âNicht-Ernstnehmenâ der Klienten! Es wird von ihm mit âTrost und Ablenkungâ begründet, zahlreiche Beispiele zeigen, dass damit etwas âdurchgesetztâ werden soll. Zum Beispiel handelt es sich um das âWaschenâ, eine Handlung die zunehmend als routinehafte Tätigkeit hinterfragt wird. Sein Postulat von âVerhaltenssicherheitâ verstellt deutlich eine menschliche Begegnung â eine offene, fragende und sich für den anderen interessierende Begegnung.
Nicht nachvollziehbar ist seine Forderung, die Pflege Demenzkranker auf eine Linie (nämlich seine) einzuschwören â dies negiert die Vielfalt menschlichen Daseins. Sinnliche Erfahrungen zu machen, Musik zu hören, berührt zu werden, zu kommunizieren sind keine âesoterischenâ Ansätze, sie gehören zum Leben jedes Menschen. Deswegen sind die vielen Wege in der Pflege dementer Menschen kein âDurcheinanderâ, sondern sie sind wichtig, um einen Ausschnitt unserer Welt zu repräsentieren.